Unmenschliches Ausbeutungssystem

Rassismus greift in Italien um sich

Zwölf Migranten, die als Landarbeiter Fronarbeit leisten mußten, alle aus Ländern außerhalb der EU, sind am Wochenanfang bei Foggia in Apulien/Süditalien bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Sie waren auf einem Lkw zusammengepfercht, der mit einem mit Tomaten beladenen Lastwagen frontal zusammenstieß. Die übermüdeten Fahrer der beiden Lkw starben ebenfalls. Dort waren bereits zwei Tage vorher bei einer Kollision mit einem Tomaten-Laster vier Afrikaner tödlich und vier weitere schwer verletzt worden.

Der Vorfall bringe erneut an die Öffentlichkeit, wie Migranten, vor allem in Süditalien, unter menschenunwürdigen Bedingungen schuften müssen und wie Sklaven gehalten werden, schreibt »Manifesto«. Das jüngste Blutbad hat zu einer starken Welle der Empörung in linken Medien, der Gewerkschaften und Protesten der Landarbeiter geführt. Mit einem Generalstreik, zu dem die Basis-Gewerkschaft USB aufrief, haben die ausländischen Erntearbeiter gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen protestiert.

In einem, wie »La Repubblica« schrieb »Marsch der roten Barette«, bezogen auf die roten Mützen, die sie sonst vor der Sonne schützen, zogen zahlreiche Migranten nach Foggia und protestierten vor der Präfektur unter den Losungen »Basta morti sul lavoro«, »Schiavi mai« (»Genug der Arbeitstoten«, »Niemals Sklaven«) gegen die unmenschliche Ausbeutung und verlangten menschenwürdige Arbeitsbedingungen. Auf einer von den Gewerkschaften CGIl, CISL und UIL gemeinsam organisierten Kundgebung in Foggia versicherte der Abgeordnete und Vorsitzende der linken Bewegung Liberi e Uguali (LeU), Roberto Speranza, die Migranten der vollen Solidarität. »Wir werden überall da sein, um die Würde der Arbeit zu verteidigen«. Der Präsident der Regionalregierung von Apulien, Michele Emiliano, von der Demokratischen Partei (PD), unterstützte den Streik als einen »Schritt gegen die Ausbeutung«.

In Apulien, einem Zentrum der Tomatenzucht, müssen Erntearbeiter vor allem aus Afrika , aber auch aus Polen, Bulgarien und Rumänien unter der sengenden Sommerhitze von über 40 Grad bis zu zwölf Stunden täglich schuften, leben in Elendsquartieren unter schlimmsten hygienischen Verhältnissen, ohne fließendes Wasser und Toiletten, haben keinerlei gesundheitliche Betreuung, sind Gewalt, die Frauen sexuellen Belästigungen ausgesetzt. Viele von ihnen sind, wie die römische »La Repubblica« enthüllte, einem »Caporalato« genannten mafiosen System organisierter Schwarzarbeit unterworfen. Sie verdienen oft kaum mehr als einen Euro die Stunde (der Tariflohn liegt bei 6 Euro), von denen ihnen noch ein Teil für die Elendsunterkünfte abgezogen wird. Die Padrones zahlen keine Sozialabgaben, gewähren keinen Urlaub. Die Zahl der auf diese Weise ausgebeuteten Landarbeiter wird in Apulien auf etwa Einhunderttausend geschätzt. Laut Angaben der Gewerkschaft CGIL vom vergangenen Jahr sind es, Campanien und Sizilien hinzugerechnet, wenigstens eine halbe Million, die bei der Trauben-, Oliven- und Orangenernte, auf Tomaten-, Zwiebel- und Erdbeerfeldern, in Pfirsich- und Aprikosenplantagen illegal als Saisonarbeiter beschäftigt werden.

Die Proteste kontrastieren die Demagogie der Regierung der rassistischen Lega und der Fünf Sterne Bewegung (M5S), die ihre Politik der Vertreibung der Migranten und ihres Ausschlusses aus der Gesellschaft hinter heuchlerischen Phrasen von »Würde des Menschen« und des »Kampfes gegen die Ausbeutung« tarnt. Unter dem Druck der Proteste mußten sich Premier Conte und Innenminister Salvini nach Foggia begeben und eine Delegation der Streikenden empfangen. Bisher jüngster Vorfall der rassistischer Auswüchse in Behörden wie im täglichen Leben war, wie »La Repubblica« berichtete, daß »Zigeuner, Bettler und andere Störenfriede« im Regionalzug Trenord-Mailand-Cremona von der Zugführerin per Lautsprecher am 7. August aufgefordert wurden, den Zug zu verlassen. Der Vorfall wurde nur bekannt, weil ein Fahrgast den Mut hatte, Anzeige zu erstatten.

Gerhard Feldbauer

Feldarbeiter protestieren in Italien (Foto: ZUMA Wire/dpa)

Freitag 10. August 2018