Unser Leitartikel:
Der Hetzjagd ein Ende setzen

Damit der Profit stimmt, wird den arbeitenden Menschen heutzutage immer mehr abverlangt. Wer dem ständig zunehmenden Druck, dem wachsenden Konkurrenzkampf oder dem allgegenwärtigen Stress nicht gewachsen ist, riskiert auf der Strecke zu bleiben. Erst recht, wenn er nicht imstande ist, jederzeit 100 Prozent abzurufen.

Mitarbeiter also, derer es sich in den Augen des Patronats lieber heute als morgen zu entledigen gilt. Deshalb auch die anhaltende Forderung der Patronatsorganisationen, den Kündigungsschutz endlich zu lockern. Tatsache ist, dass seit Beginn der kapitalistischen Finanz- und Wirtschaftskrise es in vielen Betrieben zur schlechten Gewohnheit geworden ist, recht schnell warnend mit dem Finger auf Erwerbstätige zu zeigen, die der Arbeit, aus welchem Grund auch immer, öfter oder länger fernzubleiben gezwungen sind.

Eine zunehmend gängige Praxis, obwohl jeder Unternehmer eigentlich wissen müsste, dass in Krisenzeiten der Großteil aller Schaffenden es sich mindestens zweimal überlegt, bevor er sich dazu entscheidet, sich krank zu melden. Zu groß ist nämlich die Angst, unangenehm aufzufallen, zu groß das Risiko, als »untauglich« oder »überschüssig« abgestempelt zu werden, zu allgegenwärtig die Angst, gefeuert zu werden.

Umso verwerflicher ist das menschenunwürdige Vorgehen von immer größer werdenden Teilen des Patronats, weil sie immer wieder Augen und Ohren verschließen, wenn Gewerkschaften und Mediziner darauf hinweisen, dass viele der Erkrankungen zunehmend »hausgemacht« sind, viele der gesundheitlichen Probleme immer häufiger durch die seit Jahren ständig wachsende Flexibilisierung und Deregulierung der Arbeitszeitzeitorganisation, schlechtere Arbeitsbedingungen, längere Schichtdauern, fehlende Ruhepausen, zunehmendem Druck, Hetze und Mobbing verursacht werden.

Nicht verschweigen sollte man auch, dass das Patronat bei seinem seit Jahren immer rücksichtsloseren Vorgehen gegen Krankgeschriebene stets von der Politik unterstützt wurde – und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Wurden nämlich Gesetzestexte reformiert, so geschah dies stets im Interesse der Unternehmer. Sowohl die reformierte Krankenscheinregelung – egal ob der Arbeitsvertrag nun nach 52 oder künftig erst nach 78 Wochen Kranksein innerhalb einer Referenzperiode von zwei Jahren aufgelöst wird – wie auch das seit 2004 bestehende Invaliditätsgesetz, das zum Ziel hatte, einen Großteil der Anträge auf Invalidität abschmettern zu können, zeigen dies in aller Deutlichkeit. Auch das vor Jahren reformierte Gesetz der Unfallversicherung, durch welches das Patronat von etlichen Zwängen befreit wurde, ist in die gleiche Kategorie einzustufen.

Gewusst ist, dass aufgrund der vielen Arbeitslosen der Druck auf Schaffende und Arbeitsuchende recht groß ist. Eine Situation, die Menschen mit gesundheitlichen Problemen besonders schwer belastet. Viele sind diesem Druck nicht mehr gewachsen. Sowohl physisch wie auch psychisch.
Doch statt diesen Menschen zu helfen, gelten im reichen Luxemburg Gesetze, die es den Herrschenden auf legaler Basis ermöglichen, Beschäftigte, die nicht mehr in der Lage sind jederzeit 100 Prozent abzurufen, rücksichtslos in die Arbeitslosigkeit und damit ins soziale Abseits zu drängen.

Ein Beweis mehr dafür, dass im Kapitalismus nicht der Mensch, sondern allein Profit zählt.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Dienstag 29. Mai 2018