Unser Leitartikel:
Arm und krank trotz und durch Arbeit

Die rezente Erhebung des Statec mit dem Titel »Travail et cohésion sociale«, welche die soziale Schieflage im vergangenen Jahr 2016 untersuchte, kam zu dem zunächst einmal wenig überraschenden Schluß, daß es auch hierzulande eine Reihe sogenannter »working poor« gibt. Menschen also, die, obschon sie einer Lohnerwerbstätigkeit nachgehen, nicht genug finanzielle Mittel besitzen, um davon auskömmlich leben zu können. Diese Zahl beläuft sich auf 12 Prozent. Aus dem Bericht geht auch hervor, daß rund ein Viertel der gesamten Einkommensmasse in Luxemburg auf zehn Prozent der Menschen im Lande konzentriert ist.

Und das Armutsrisiko, so die Studie, steigt weiter. Mit einem Prozentsatz von knapp unter 20 Prozent, also fast einem Fünftel der Bevölkerung, scheint dieses bereits erschreckend hoch für ein Land wie Luxemburg. Läßt man jedoch die sozialen Zuwendungen staatlicherseits in der Berechnung auf der Seite, fehlt bei 45 Prozent der Bevölkerung, die dann in Armut leben würde nicht mehr viel bis zur Hälfte.

Besonders junge Menschen stecken in Luxemburg häufig schon bevor sie irgendetwas auf die Beine stellen können, erst einmal in der Armutsfalle fest. Zwar werden jährlich neue Arbeitsplätze geschaffen und neue Technologien sollen die Tätigkeit der Lohnabhängigen erleichtern, doch die Profite daraus kommen nicht in der Gesellschaft an, aus der sie erarbeitet werden. Trotz der erschreckenden Zahlen jammern die Vertreter des Patronats tagein tagaus darüber, daß die Lohnstückkosten, mit die niedrigsten in der gesamten EU wohlgemerkt, immer noch zu hoch seien und sie bald am Hungertuch nagen.

Demgegenüber stehen Menschen, die trotz einer vorsintflutlichen 40-Stundenwoche nicht genügend Geld zusammenbekommen, um sich eine Wohnung oder kulturelle Teilhabe leisten zu können. Dazu kommt, daß der Trend zu befristeten Arbeitsverhältnissen steigt. Zwar im Vergleich zu unseren Nachbarländern, wo eine ausgeprägte moderne Sklaverei bereits an der Tagesordnung ist, noch recht moderat, aber mit eindeutiger Tendenz.

In Zusammenhang mit den Ergebnissen des Statec ist eine am Mittwoch von Arbeitsminister Schmit vorgestellte EU-Kampagne zur Gesundheit am Arbeitsplatz interessant: Niemandem sei damit gedient, wenn ein Mensch mit dem Renteneintritt körperlich gebrochen und krank sei. Arbeit solle nicht krank machen, heißt es weiter. Statistisch gesehen denken 23 Prozent der Lohnabhängigen in diesem Land, ihr Job wirke sich negativ auf ihre Gesundheit aus.

Eine Arbeitsstelle, wie ganz oben beschrieben, bei welcher außer Schufterei weder finanziell noch an sozial nutzbarer Freizeit etwas abfällt für die Betroffenen, ist geradezu prädestiniert, krank zu machen. Sorgen und Ängste sind nun einmal führende Faktoren.

Dazu kommt, daß der Trend, wie er derzeit in Frankreich oder Deutschland wieder befeuert wird, die Arbeitszeiten auszudehnen, der Gesellschaft zusätzlich schadet. Das Benevolat, um das ein weiterer Minister so besorgt ist, geht langsam kaputt. Nach 40 Stunden oder mehr Arbeitszeit in der Woche liegt das soziale Leben auch ohne ehrenamtliche Tätigkeit nahezu brach. Anstatt also von Digitalisierung und Gesundheit am Arbeitsplatz zu reden, sollte die Frage beantwortet werden, welche Gesellschaft wir wollen? Eine der freien sozialen Entfaltung der Menschen bei gutem Einkommen und adäquater Kaufkraft oder eine, in der die fremdbestimmte Hatz nach ein paar Moneten, die zum Sterben zuviel sind, ringsherum verbrannte Erde hinterläßt.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Donnerstag 19. Oktober 2017