Langfristiger industrieller Partner steigt bei Encevo SA ein:

Keine »gelbe Gefahr«

Bis Oktober 2016 hieß die heutige Encevo SA als Konzerndach über dem Strom- und Gashändler Enovos und dem Netzbetreiber Creos noch Enovos International SA. »International« weil es da nicht nur Aktivitäten in Luxemburg gibt, sondern ebenso in der BRD, wobei auch darüber hinaus gerne nach allem gegriffen wird, was irgendwie paßt. 2012 hatte AXA Private Equity die Beteiligung von ArcelorMittal gekauft, womit sie 23,48% der Anteile hielt. Aus Steuerspargründen wurde die Vermögensverwaltung in eine eigene Firma abgespalten, die als Ardian inzwischen stolz darauf ist, 71 Milliarden US-Dollar zu verwalten, die von rund 700 Auftraggebern stammen.

Beim Ausstieg von E.on und RWE aus Enovos International erhöhte Ardian den Anteil auf 25,48%, doch offensichtlich war ihr die jährliche Dividende mit durchschnittlich 2,5% dann doch zu niedrig, ganz besonders, weil es dieses Jahr noch weniger werden sollte. Das erklärt die Suche nach einem Käufer, die jetzt abgeschlossen ist. Hatte AXA bzw. Ardian einst 330 Millionen Euro investiert, so kommen nun mehr als 400 Millionen Euro zurück von »China Southern Power Grid« (CSG), einer Staatsfirma, die der zweitgrößte Energieversorger der Volksrepublik ist.

Damit hat der kurzfristig denkende Finanzinvestor Ardian doch noch ordentlich Kasse gemacht und nach sechs Jahren mit dem Aufschlag von CSG und den eingestrichenen Dividenden ein Drittel mehr auf der Hand. Genauso funktioniert Heuschreckenkapitalismus, bei dem es völlig egal ist, wie und womit im normalen Geschäftsverkehr unerreichbare Renditen realisiert werden. Langfristige Industriepolitik ist nicht ihr Ziel, und eigentlich sollten alle froh sein, daß dieser Finanzinvestor jetzt weg ist, ohne Schaden angerichtet zu haben.

Ersetzt wird er immerhin durch einen langfristig denkenden Industriepartner, von dessen Expertise Encevo profitieren kann, wenn es das Management denn will. Das herrscht angesichts der Tatsache, daß der Rest der Firma direkt oder indirekt in Staatshand ist (direkt 28%, über die staatliche Investitionsbank SNCI 14,2%, über die Staatssparkasse 12%, über die Post 4,71% und über Luxemburg-Stadt 15,61%), wie in einem selbständigen Königreich, so lange das Ergebnis einigermaßen positiv bleibt. Denn es gab noch keine Regierung hierzulande, die mit ihren weit über hundert Firmenbeteiligungen eine eigene Industriepolitik verfolgt hätte.

Es hätte so auch gar keinen Sinn gemacht, wenn die aktuelle Regierung mehr als 400 Millionen Euro Kredit aufgenommen hätte, um Ardian zufriedenzustellen. Der langfristige Teilhaber aus derselben Branche ist da wesentlich interessanter im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung von Encevo. Immerhin hält CSG bereits Aktiva in Chile, Malaysia, Vietnam und Laos und ist sehr auf Harmonie zwischen Umwelt und Stromnetz bedacht, also auf das, was immer als »grüne Entwicklung« bezeichnet wird.

Dollars für Werte

CSG benötigt für die Transaktion, die bis zum Jahreswechsel effektiv werden soll, keinerlei Kredit. Generell macht es für chinesische Betriebe mit hohen Dollar-Guthaben großen Sinn, diese loszuschlagen und gegen sinnvolle Vermögenswerte auszutauschen, deren Wert sich nicht wie beim Dollar mit einem Schlag zu halbieren droht, vielleicht sogar noch schlimmer.

Das sieht die dollarfixierte französische Ardian vielleicht anders, aber es sei daran erinnert, daß die USA mit dem Vietnam-Krieg ins Budgetdefizit geraten sind, und seither nie mehr rauskamen. Obwohl die Infrastrukturen in den USA verrotten und ganze Städte mangels genügender staatlicher Unterstützung in die Pleite geritten sind, führte kein Weg raus aus dem Defizit. Das wiederum führte über die Jahre zu einer Verschuldung, die heute höher ist als die Griechenlands. Denn die angegebene Staatsschuld von bereits über 100% des Bruttoinlandprodukts der USA berücksichtigt im Gegensatz zu den offiziellen Zahlen für Griechenland nicht die Schulden der übrigen Gebietskörperschaften. Und das macht einen noch um einiges höheren Betrag aus, der auf die Schuld des Zentralstaats draufkommt. Damit liegen die USA auf dem Niveau Japans, mit einem sehr wesentlichen Unterschied. In Japan werden 95% der Staatsschuldtitel von der eigenen Bevölkerung als Sparrücklage gehalten, während die USA hoffnungslos im Ausland verschuldet sind.

Hinzu kommt das ständige Außenhandelsdefizit der USA, das Trump auch nicht mit einem Handels- und Zollkrieg ins Lot kriegen kann. Denn wie das Land mit Infrastrukturen auf Dritt-Welt-Niveau geschlagen ist, genauso ist die Industrie längst nicht mehr konkurrenzfähig. Die USA kommen einstweilen nur noch recht und schlecht über die Runden mit dem »Seigneurage«, den sie einstreichen, wann immer internationaler Handel in US-Dollar abgewickelt wird. Der Anteil ist immer noch sehr hoch (über 85%), aber er sinkt kontinuierlich. Dazu tragen auch diverse exterritoriale Sanktionsmaßnahmen bei.

Unter diesen Bedingungen ist auch die weltweit größte Armee nur mehr ein Koloß auf tönernen Füßen, da deren Finanzierung nicht mehr gewährleistet ist. Das ist übrigens die Ursache für die hy­sterischen Ausfälle des aktuellen Präsidenten über die NATO-Mitglieder mit einem »zu niedrigen« Militärbudget.

Unter diesen Bedingungen können wir uns, CSG und Encevo zur nun bekannt gewordenen Transaktion beglückwünschen und den Kopf schütteln über jene Politiker, denen das nicht gefällt.

jmj

Montag 6. August 2018