Unser Leitartikel:
Strafen verschärfen

Auf den Langzeitparkings auf Findel gibt es derzeit kaum freie Plätze. Der Beweis dafür, dass also auch dieses Jahr viele den Sommerurlaub außer Landes verbringen.

Geht es den Menschen hierzulande also doch nicht so schlecht, wie es gewisse Kreise immer wieder behaupten wollen? Handelt es sich nur um Schwarzmalerei, wenn kritische Stimmen behaupten, dass stagnierende Löhne, Sozialabbau, Taxenerhöhungen und steigende Lebensmittelpreise die Haushaltskassen immer schwerer belasten – wobei für Tausende von Familien die Grenze des Zumutbaren längst überschritten sei?

Ja, werden wohl jene antworten, die nach wie vor behaupten »et geet de Lëtzebuerger gutt«, und als Bestätigung hierfür liebend gerne jene zitieren, die mehr als nur einmal im Jahr ihr Auto auf dem Langzeitparkplatz auf Findel stehen haben.

Keinesfalls werden jene entgegenhalten, die auch hinter die Fassaden schauen und dabei Folgendes erblicken: mehr als 20.000 Arbeitsuchende ohne dauerhaften festen Arbeitsplatz, immer mehr RMG-Bezieher, rund 16 Prozent von Armut bedrohte Haushalte, immer jünger werdende Obdachlose, lange Warteschlangen vor den kommunalen Sozialämtern, zunehmend überschuldete Haushalte, rasanter Anstieg an Niedriglohnverdienern. Alles Menschen, die andere Sorgen plagen, als die Frage wohin und wie oft im Jahr es in den Urlaub gehen soll.

Es stimmt allerdings auch, dass es in Luxemburg zig Tausende von Gehaltsempfängern gibt, die sorgenfrei in die Zukunft blicken können. Allen voran Manager und Spitzenverdiener in der Privatwirtschaft, jedoch auch ein Großteil der Staats- und Gemeindebediensteten, die neben der Jobgarantie – eine zunehmende Rarität – auch über ein Einkommen verfügen, das den meisten in der Regel ein Leben in Würde ermöglicht.

Doch wie ist es um den Bauarbeiter Antonio bestellt, der für weitaus weniger Geld bei Nässe und Kälte im Graben sitzen muss, und dabei nicht einmal weiß, ob ihm dies auch nach dem Kollektivurlaub weiter »gegönnt« sein wird? Der allein erziehenden Maria, die als Verkäuferin mit dem Mindestlohn auskommen muss, obwohl sie abends immer länger und an den Wochenenden immer häufiger arbeiten muss, ergeht es kaum besser. Statistiken belegen nämlich, dass jede zweite Alleinerziehende von Armut bedroht ist. Doch auch die Situation des jungen Handwerkers ist kaum beneidenswerter, der dank Kollektivvertrag zwar knapp über 2000 Euro verdient, weit über die Hälfte hiervon jedoch für Miete und Taxen zahlen muss. Beispiele, die wir problemlos fortsetzen könnten.

Die Schere zwischen Gut- und Schlechtverdienern ist weit geöffnet, und würde sogar riesige Ausmaße annehmen, wenn man zum Vergleich auch die Riesenprofite von Banken- und Produktionsmittelbesitzern berücksichtigen würde.

Eine Schere, die nicht weiter geöffnet, sondern geschlossen werden muss. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre – neben einer 20-prozentigen Aufbesserung des Mindestlohns –, dass in der Privatwirtschaft künftig lineare Lohnaufbesserungen erfolgen und Lohntabellen, welche die Betriebserfahrung berücksichtigen, angepasst werden. Das ist angesichts des Widerstands des Patronats leichter gesagt als getan. Vor allem aber bedarf es dazu nicht nur des Einsatzes der Gewerkschaft, sondern der ganzen Belegschaft. Denn ohne Solidarität geht nichts, mit solidarischem Handeln aber ist vieles möglich, wie der Erfolg der Beschäftigten aus dem Pflege-, Sozial- und Krankenhausbereich gezeigt hat.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Dienstag 25. Juli 2017