Unser Leitartikel:
Das Pippi-Langstrumpf-Prinzip

Ein bißchen wirkte die unter anderem für Wirtschaft zuständige LSAP-Staatssekretärin Francine Closener wie Pippi Langstrumpf, als sie am Montag zusammen mit Statec-Direktor Serge Allegrezza die Bilanz 2017 des »Observatoire de la compétitivité« präsentierte: »Ich mach mir die Welt / widdewidde, wie sie mir gefällt.«

Nachdem der vor nunmehr 13 Jahren vom neoliberalen französischen Ökonomen Lionel Fontagné im Auftrag des damaligen LSAP-Wirtschaftsministers Jeannot Krecké eigens für Luxemburg entworfene »Tableau de bord compétitivité« von 79 auf 67 Indikatoren reduziert worden sei, davon 41 neu in den »Tableau de bord« aufgenommen und weitere acht Indikatoren »angepaßt« worden seien, belege das Land in diesem Jahr nach Dänemark, Schweden und Irland den vierten Platz im Generalklassement.

Wobei Luxemburg nach der neuen Meßmethode ausgerechnet in Sachen »soziale Aspekte« der »Wettbewerbsfähigkeit« sogar Platz eins belege. Hingegen habe es in der Kategorie wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit nur zum siebten und in der Umweltkategorie nur zu Platz neun gereicht.

Schaut man sich die insgesamt 24 Indikatoren, anhand derer die Wettbewerbsbeobachtungsstelle deren »soziale Aspekte« »messen« will, jedoch genauer an, stellt man fest, daß die (noch von Fontagné eingeführte) »Ampel« trotz des insgesamt ersten Platzes in dieser Kategorie bei drei Indikatoren auf Rot steht. Darunter befinden sich mit der Lohnquote und dem Anteil der Lohnabhängigen, die armutsgefährdet sind, obwohl sie tagtäglich einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen, zwei Indikatoren, die für die Schaffenden von entscheidender Bedeutung sind.

Während die Lohnquote – also der Anteil der Schaffenden am gesamten Volkseinkommen – in Luxemburg in den vergangenen drei Jahren erneut um 1,0 Prozent sank, fiel der Verlust für die Schaffenden in EU-Europa mit durchschnittlich 0,5 Prozent deutlich geringer aus. In nur fünf EU-Staaten hat sich die Lohnquote in den vergangenen drei Jahren noch mehr verschlechtert als in Luxemburg.

Noch schlechter hat Luxemburg beim Anteil der sogenannten »working poor« abgeschnitten. Fast jeder achte Schaffende (11,9 Prozent) ist hierzulande von Armut bedroht, höher ist der »working poor«-Anteil unter den Lohnabhängigen nur noch in drei (der bis auf weiteres 28) EU-Staaten.

Diese »arbeitenden Armen« unter den Schaffenden wird es auch nicht trösten, daß Luxemburg bei nichtssagenden Durchschnittswerten wie der Höhe des kaufkraftbereinigten Medianeinkommens oder des Nettovermögens pro Privathaushalt sehr gut abgeschnitten hat.

Sogar in Sachen Langzeitarbeitslosigkeit – von LSAP-Arbeitsminister Nicolas Schmit immerhin als »großes Problem« erkannt und in diesem Jahr zur »Chefsache« erklärt – soll sich Luxemburg laut »Observatoire de la compétitivité« auf dem neunten von 28 Plätzen befinden.

Die drei national repräsentativen Gewerkschaften OGBL, LCGB und CGFP, die über den Wirtschafts- und Sozialrat an der Reform des »Tableau de bord compétitivité« beteiligt waren, hätten gut daran getan, an der grundsätzlichen Kritik der Salariatskammer festzuhalten. Die CSL hatte zumindest an den ersten Jahresbilanzen der Beobachtungsstelle stets kritisiert, daß es schlicht unmöglich sei, die Größe »Wettbewerbsfähigkeit« zu messen, weshalb auch die Schlußfolgerungen aus der jährlichen Erhebung höchst zweifelhaft seien.

Oliver Wagner

Donnerstag 2. November 2017