Unendliche Arbeitswelten

Beim fünften Quality of work-Index der Salariatskammer steht die Digitalisierung im Fokus

Nicht wie bei solchen Rankings üblich die Verwertungsbedingungen des Kapitals in Luxemburg (»Wettbewerbsfähigkeit des Standortes«) stehen beim Quality of work-Index der Salariatskammer (CSL) im Mittelpunkt des Interesses, sondern das subjektive Empfinden der Schaffenden hinsichtlich ihrer Arbeitsbedingungen und ihres Befindens am Arbeitsplatz. Bei der bereits fünften Telefonbefragung von insgesamt 1.522 Schaffenden (davon 913 mit Wohnort Luxemburg, 301 Berufspendler aus Frankreich, 159 aus Belgien und 149 aus Deutschland) stand diesmal die Digitalisierung der Arbeitswelt im Fokus.

Am Freitag präsentierte der Arbeitspsychologe David Büchel, der die Studie für die CSL koordiniert hat, die wichtigsten Befunde. Der Quality of work-Index wurde von dem an der Universität Luxemburg forschenden und lehrenden Arbeits- und Sozialpsychologen Georges Steffgen in Zusammenarbeit mit der Arbeiterkammer Oberösterreich und dem Deutschen Gewerkschaftsbund für die Salariatskammer entwickelt. Die im Durchschnitt knapp halbstündigen Befragungen am Telefon wurden in diesem Frühjahr vom deutschen Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) durchgeführt.

Die subjektiv empfundene Arbeitsqualität habe sich insgesamt gegenüber dem Vorjahr leicht verbessert, erklärte Büchel, der Quality of work-Index sei von 55,2 auf 55,7 Punkte (von 100 möglichen) gestiegen, nachdem er 2015 bei 54,4, 2014 bei 55,1 und 2013 sogar bei 57,7 Punkten gelegen hatte. Auch wenn die subjektiv empfundene mentale Belastung am Arbeitsplatz seit 2014 von 70 auf 64 Prozent zurückging, sei sie in Luxemburg weiter vergleichsweise hoch, so der Arbeitspsychologe. Seit 2014 sei der Anteil der Schaffenden, die über ständigen oder häufigen Zeitdruck klagen, von 49 auf 41 Prozent gesunken, doch hätten gleichzeitig 61 Prozent der Befragten erklärt, sie seien bei der Ausführung ihrer täglichen Arbeit ständig oder häufig an enge Zeitvorgaben gebunden.

Einen negativen Einfluß auf die subjektiv empfundene Arbeitsqualität habe unter anderem der Grad der Arbeitsautonomie, die jedoch im Vergleich zum Vorjahr in fast jeder Hinsicht gesunken sei: Die Entscheidungsfreiheit bei der Bestimmung der Reihenfolge der zu erledigenden Aufgaben sank von 57,8 auf 53,0 Prozent, die Berücksichtigung der eigenen Meinung durch Vorgesetzte von 39,8 auf 39,4 Prozent, die Entscheidungsfreiheit hinsichtlich der Bestimmung der Arbeitsinhalte von 31,6 auf 27,6 Prozent, die freie Bestimmung der Arbeitszeiten von 29,2 auf 27,1 Prozent und die Mitbestimmung bei Entscheidungen im Betrieb sank von 29,2 auf 27,1 Prozent. Lediglich die Entscheidungsfreiheit bei der Gestaltung der Arbeit stieg gegenüber dem Vorjahr von 54,9 auf 57,8 Prozent.

Seit 2014 wurde es für die Schaffenden in Luxemburg auch immer schwerer, Berufs- und Privatleben in Einklang zu bringen. Erklärten vor drei Jahren erst 13 Prozent der Befragten, es gebe bei ihnen ständig oder häufig Konflikte zwischen dem Berufs- und dem Privatleben, so waren es 2015 schon 14, im vergangenen Jahr 15 und in diesem Jahr sogar 18 Prozent. Häufige Überstunden – der Studie zufolge waren das in diesem Jahr durchschnittlich zweieinhalb Stunden pro Woche – führen naturgemäß zu einem Anstieg dieser Konflikte.

Die Untersuchung ergab ferner, daß Schaffende, die stärker von der Digitalisierung betroffen sind, auch öfter Probleme haben, ihr Arbeits- und ihr Privatleben miteinander zu vereinbaren. Zeige sich diese Vereinbarkeitsproblematik bei rund 16 Prozent der Digitalisierungsbetroffenen als »permanent konfliktbelastet«, so seien es bei Schaffenden, die kaum von der Digitalisierung betroffen sind, nur sechs Prozent und bei den mittelstark Betroffenen acht Prozent.

Hinsichtlich der zeitlichen Entgrenzung von Arbeits- und Freizeit erklärten 32 Prozent der befragten Schaffenden, sie müßten oft bzw. fast ständig außerhalb ihrer Arbeitszeit per Mobiltelefon oder E-Mail erreichbar sein. Überdurchschnittlich häufig gelte das für im Bau- oder Transportwesen, im Reinigungs-, Hotel- oder Gaststättengewerbe, im Handwerk, dem Sozial- und Gesundheitswesen oder in der öffentlichen Verwaltung Beschäftigten. Dementsprechend wünschen sich 59 Prozent der Befragten ein Recht auf Nichterreichbarkeit – zum Beispiel indem sie ab einem bestimmten Zeitpunkt automatisch vom E-Mail-Server des Unternehmens getrennt werden.

oe

Oliver Wagner : Freitag 10. November 2017