Libanon im Auge des Sturms

Libanon fordert die Rückkehr von Ministerpräsident Saad Hariri. In Politik, Medien und Bevölkerung ist man überzeugt, daß sein Rücktritt in Riad keine freie Entscheidung war.

Libanesische Medien wie »Al Akhbar« hatten bereits am Tag nach der Rücktrittserklärung von Saad Hariri am 4.11.2017 darüber berichtet, daß Hariri in Riad kein freier Mann sei. Am Wochenende bestätigte der gewöhnlich gut von Sicherheitskräften aus aller Welt unterrichtete USA-Journalist David Ignatius in der »Washington Post« das, was im Libanon schon bekannt war. Die Art der Informationen legt nahe, daß die Quellen für die Sicherheit des libanesischen Ministerpräsidenten zuständig waren und sind.

Demnach hatte Saad Hariri am 30. Oktober in Riad den saudischen Kronprinz Mohammed Bin Salman (kurz MBS genannt) getroffen. Hariri habe nach seiner Rückkehr in Beirut die Regierung über das Treffen unterrichtet. MBS wolle Pläne für eine internationale Wirtschaftskonferenz für den Libanon in Paris unterstützen, ebenso ein Treffen in Rom, wo es um Unterstützung für die libanesische Armee gehen sollte. Zudem sollte ein saudisch-libanesischer Wirtschaftsrat Investitionen für den Libanon fördern. MBS habe erklärt, daß der Libanon nicht auf der Abschußliste der Saudis sei, obwohl Riad gegenüber dem Iran schärfere Töne anschlagen werde. Hariri plante demnach erneut am 6. November nach Riad zu reisen.

Nach einem Treffen mit Ali Akhbar Velayati allerdings, dem außenpolitischen Berater des iranischen obersten geistlichen Führers, Ali Khamenei, am Freitag dem 3. November in Beirut ging auf einmal alles sehr schnell. Hariri wurde vom Protokoll des saudischen Kronprinzen aufgefordert, umgehend nach Riad zu kommen. Am Samstagmorgen sei Hariri zu früher Stunde vom Kronprinzen einbestellt worden, danach verlor sich für die libanesischen Quellen für etliche Stunden jede Spur des Ministerpräsidenten. Als nächstes habe man ihn dann im Fernsehen gesehen, wo er seine Rücktrittserklärung verlas. Diese sei in einer für Hariri unüblich feindseligen Sprache verfaßt gewesen. Keiner der Redenschreiber für Hariri sei konsultiert worden.

Samstag und Sonntag habe Hariri in einer Villa auf dem Gelände des Ritz-Carlton Hotels verbracht, so die Quellen weiter. Dort wurden zum gleichen Zeitpunkt zahlreiche saudische Prinzen und Geschäftsleute festgehalten, die von einem neu gegründeten Anti-Korruptionskomitee wegen Korruptionsvorwürfen festgenommen worden waren.

Die Umstände der Rücktrittserklärung deuten darauf hin, daß Saad Hariri unter erheblichem Druck des saudischen Kronprinzen gehandelt haben muß. Möglicherweise wurden finanzielle Ungereimtheiten und Schulden seiner im Sommer Bankrott gegangenen Baufirma Saudi Oger benutzt, um Hariri unter Druck zu setzen. Klar ist aber auch, daß der besonnene Umgang, den Hariri im Rahmen seiner politischen Amtszeit als Ministerpräsident mit dem politischen Gegner Hisbollah gezeigt hatte, dem saudischen Kronprinzen nicht gefallen hat. Der hält einen scharfen Konfrontationskurs gegen den Iran sowohl in Syrien als auch im Jemen ein.

Was dort nicht gelungen ist – die Schwächung des regionalen Konkurrenten Iran – soll nun offenbar im Libanon versucht werden. Saudische Staatsbürger wurden aufgefordert, das Land zu verlassen, im Libanon fürchtet man wirtschaftliche Sanktionen und die Ausweisung libanesischer Arbeiter und Geschäftsleute aus Saudi Arabien.

Im Libanon hat das Theater indes zu einem Schulterschluß geführt. Am Sonntag beteiligten sich mehr als 45.000 Menschen am jährlichen Marathonlauf in Beirut, an dem sonst auch Saad Hariri teilgenommen hatte. Präsident Michel Aoun hatte angeregt, daß der Marathon für die Rückkehr Hariris gelaufen werden sollte. Entlang der Laufstrecke waren große Transparente gespannt, Teilnehmer und Zuschauer trugen Hüte oder Poster auf denen zu lesen war: »Wir laufen für Dich« oder »Wir wollen unseren Ministerpräsidenten zurück«. Ein Teilnehmer sagte der Nachrichtenagentur AP: »Wir sind müde von den Kriegen. Wir wollen nicht, daß man in unserem Land miteinander abrechnet oder sich bekämpft. Schluß damit.«

Karin Leukefeld, Damaskus

(Foto: EPA)

Montag 13. November 2017