In Rom stinkt es zum Himmel

Italiens Hauptstadt versinkt im Müll. Abhilfe ist nicht in Sicht

Rom versinkt im Müllchaos. Die Zeitungen berichten davon, wie sich im Trastevere, am Trevi-Brunnen, dem Pantheon oder im gutbürgerlichen Viertel Prati vor dem Vatikan die Abfälle um die überfüllten Container herum zu übelriechenden Haufen stapeln. Dazwischen tummeln sich Ratten und Tauben, die Essensreste picken. Schwarzer Rauch steigt auf, wenn empörte Einwohner die Müllberge einfach anzünden.

Die beschriebene Misere brachte der Metropole am Tiber den Beinamen »Europas Müllhauptstadt« ein. Das alles kennen die Römer seit Jahrzehnten. Sie würden sich auch nicht mehr als sonst darüber aufregen, wenn ihnen die seit Mitte 2016 regierende Bürgermeisterin, die 39-jährige Anwältin Virginia Raggi von der Protestpartei »Fünf-Sterne-Bewegung« (M5S), nicht versprochen hätte, den Zustand zu beenden. Doch seit Tagen wachsen die Müllberge weiter an.

Für das jetzige Chaos werden viele Gründe angeführt. Zunächst, daß im Latium, wohin ein Teil des Mülls abgeführt wird, einige Verarbeitungsanlagen wegen Wartungsarbeiten vorübergehend außer Betrieb waren. Von den 660 Kilogramm Müll, die pro Römer im Jahr anfallen, wird außerdem nur etwa ein Viertel recycelt. Des Weiteren wurde 2013 die nicht den bestehenden Richtlinien entsprechende, offene und völlig überlastete Deponie Malagrotta bei Rom nach einer Aufforderung aus Brüssel geschlossen. Seitdem fehlen Anlagen mit ausreichender Kapazität. Auch die Mülltrennung von derzeit 43 Prozent wird als zu gering angesehen und soll daher auf 70 Prozent erhöht werden.

All das mag sicher eine Rolle spielen. Die angeführten Punkte sind aber, wie die Nachrichtenagentur ANSA den Präsidenten der römischen Provinz Latium, Nicola Zingaretti, zitiert, nicht die entscheidenden Ursachen. Zingaretti sieht das Problem im Mißmanagement und fordert, »Europas Müllhauptstadt« unter kommissarische Verwaltung zu stellen. Andernfalls werde sich nichts ändern. Das scheint in der Tat auf die entscheidenden Hintergründe zu zielen: die seit jeher herrschende Korruption, die Vetternwirtschaft und die Mafia-Verwicklungen. Deutlich wird das am Müllbetrieb AMA, einem kommunalen Unternehmen mit zirka 8.000 Beschäftigten, dessen ehemaliger Generaldirektor, Franco Panzironi, wegen Komplizenschaft mit dem Clan der »Mafia Capitale« zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Er hinterließ Schulden von 650 Millionen Euro. Panzironi war die rechte Hand von Giovanni Alemanno von der faschistischen Alleanza Nazionale (AN), früherer Minister in Berlusconis Regierung und von 2008 bis 2013 Roms Bürgermeister. Auch gegen ihn ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen Beziehungen zum Hauptstadtclan der Mafia.

In der AMA war die von Alemanno berufene Umweltstadträtin Paola Muraro für über eine Million Euro Gehalt zwölf Jahre als Beraterin tätig. Obwohl die Staatsanwaltschaft auch gegen sie wegen Verstoßes gegen Umweltgesetze, Betrugs und Verwicklung in organisiertes Verbrechen ermittelt, hielt die M5S-Bürgermeisterin monatelang ihre schützende Hand über sie, ehe sie entlassen wurde. Dann berief sie auch noch den früheren Vertrauten Alemannos als Vize ihres Kabinetts. Frühzeitig wurde Kritik laut, unter dem Druck des M5S-Chefs Giuseppe Piero »Beppe« Grillo nehme Virginia Raggi nur zögerlich eine Säuberung der verfilzten Stadtverwaltung vor.

Nachdem M5S bei den Parlamentswahlen 2013 mit 25 Prozent Stimmen den dritten Platz erreicht hatte, geht es Grillo nicht mehr ums protestieren. Statt dessen will er regieren und buhlt um die Gunst auch der Unternehmer. Stillschweigend hat Grillo 2016 bei der Bürgermeisterwahl in Rom auf die 20 Prozent Stimmen der faschistischen Fratelli d’Italia (»Brüder Italiens«, FdI) gesetzt, ohne die Raggi nicht ins Campidoglio gekommen wäre. Die FdI aber gingen aus der AN hervor, und Allemanno, Schutzpatron von Umweltstadträtin Paola Muraro, gehört ihr heute noch an. Auch bei Virginia Raggi fragten sich Beobachter, ob sie dem Mafia-Filz Zugeständnisse macht. Hat sie doch ihr Anwaltspraktikum in der Kanzlei von Cesare Previti, einem früheren Minister unter Berlusconi gemacht, der wegen Mafiapraktiken vor Gericht stand.

Gerhard Feldbauer

(Foto: EPA)

Mittwoch 17. Mai 2017