Unser Leitartikel:
»Digitale Revolution« für wen?

Autonome Autos und Lkws, Selbstbedienungskassen im Supermarkt, Online-Banking oder Fließband-Roboter. Dies sind technische Errungenschaften, die heute schon den meisten Menschen geläufig sein dürften. Doch was steckt hinter dem Begriff der »Digitalen Revolution«, der von Medien, herrschender Politik und Unternehmen so oft als das zukünftige Nonplusultra der Gesellschaftsbildung angepriesen wird?

Die vergangenen industriellen Revolutionen haben immer zu einer Steigerung der Produktivität geführt, deren Vorzüge zu Gunsten der Unternehmen und deren Besitzer und Anteilseigner abgeschöpft wurden. Zu keinem Zeitpunkt allerdings sprangen aus diesen Veränderungen Vorteile für die arbeitende Bevölkerung heraus. Die Senkung der Wochenarbeitszeit, Urlaub oder Krankengeld sind daraus nicht entsprungen, sie wurden lang und zäh gewerkschaftlich errungen, auch wenn sie von so manchem Lohnabhängigen als patronale Geschenke oder sonst irgendwie vom Himmel gefallen betrachtet werden.

Warum also sollte ausgerechnet bei der »Digitalen Revolution« irgendetwas Brauchbares für das Salariat dieser Welt herausspringen? Hand in Hand mit dem Begriff der »Digitalisierung« geht meist jener der »Flexibilisierung«. Spätestens hier sollten bei allen Lohnabhängigen die Alarmglocken läuten. Dieses Wort suggeriert zunächst einmal eine Auflockerung oder positive Veränderung einer streßreichen Arbeitswelt. Veränderung schon, jedoch nicht zum Positiven für alle Beteiligten. Wir haben seit einiger Zeit bereits Vorhaben der Wirtschaft kennengelernt, nach denen Arbeiter und Angestellte immer mehr auf Abruf bereit stehen sollen, klare Grenzen von Arbeitszeiten zum Lohnerwerb und sozial nutzbarer Freizeit aufweichend und allzeit erreichbar.

Dabei führt die zunehmende Digitalisierung dem DGB-Index »Gute Arbeit« zufolge bereits zum jetzigen Zeitpunkt zu steigenden psychischen Belastungen und mehr Arbeitsdruck. Dabei sollte man doch meinen, eine industrielle »Revolution« sollte es ermöglichen, die für die Verrichtung der notwendigen Arbeit des Einzelnen benötigte Zeit könne reduziert werden. Dem ist nicht so: Digitale Möglichkeiten werden gnadenlos vorwiegend gegen die Interessen der Arbeitenden eingesetzt: Multitasking, früher als besondere Fähigkeit gelobt, wird heute schlicht erwartet, ebenso wie der Umgang mit mehr Arbeitsvolumen.

Wir können uns also fragen, was unsere Schüler in den neuen, von den »liberalen« Parteien EU-weit als Bildungs-»Revolution« angepriesenen Digitalisierung des Klassenzimmers in erster Linie lernen sollen: Allgemeinbildung und Vorbereitung auf ein Leben als kritisches und fähiges Mitglied der Gesellschaft oder schlicht ein Zahnrädchen, das fünf Sprachen beherrscht, Softwarekenntnisse hat und Konsumieren kann, geschliffen für die Interessen der Wirtschaft?

Wir sollten uns auch die Frage stellen, ob nicht endlich Schluß sein sollte, mit dem einseitigen Abschöpfen von Vorteilen aus der Produktivitätssteigerungen und darüber nachdenken, ob eine »Digitale Revolution« es nicht erforderlich machen könnte, über eine längst überfällige Verkürzung von Wochen- und Lebensarbeitszeit ohne Einbußen nachzudenken. Dies aber setzt voraus, daß wir begreifen, wen wir da am kommenden Sonntag wählen. Denn hinter jedem freundlichen Gesicht eines Kandidaten steht eine Partei, die eine politische Agenda hat.

Lassen wir uns nicht dumm digitalisieren, sondern stellen wir die richtigen Fragen: Was springt zur Verbesserung der Gesellschaft und der »Work-Life-Balance« dabei heraus?

Christoph Kühnemund

Donnerstag 5. Oktober 2017