Unser Leitartikel:
Alle aufs Rad?

Im Rahmen eines hauptstädtischen Rundtischgespräches gab es außer der erheiternden Erfahrung, daß es immer noch RTL-Journalisten gibt, die das aktuelle Rußland mit Kommunismus verbinden, auch Einblicke in die Überzeugungen grüner Politiker, was die Zukunft der Mobilität in diesem Land betrifft.

Da erklärte der grüne Kandidat François Benoy tatsächlich, das Fahrrad sei ein gleichwertiger Ersatz für andere Fahrzeuge im Rahmen urbaner Mobilität. Jeder Weg könne mit diesem Verkehrsmittel ohne Probleme bewältigt werden.

Die Verwunderung war nicht nur bei unserem Moskau-Kollegen von RTL groß, wie sich an den Reaktionen zeigte. Luxemburg hat sicherlich ein Problem, schnellstmöglich die Versäumnisse aus Jahrzehnten auszubügeln und einen brauchbaren, vor allem aber zum Auto konkurrenzfähigen öffentlichen Transport auf die Beine zu stellen, der nicht nur dazu da ist, die Arbeitskräfte von jenseits der Grenze in die Hauptstadt und zurück zu befördern, sondern auch den Einheimischen auf alltäglichen Wegen abseits der Grenzgänger-Routen und -Zeiten. Das Fahrrad kann in einem Mobilitätskonzept ein Stein im Mosaik von Verkehrsmitteln sein, das mag niemand bestreiten. Jedoch anzunehmen, daß ein Berufstätiger pauschal grundsätzlich dazu in der Lage ist, den Weg zur Arbeit allein mit einem Fahrrad zu bewältigen, scheint sehr idealistisch. Faktoren wie gesundheitliche Beschaffenheit und Art der Arbeit müssen ja auch berücksichtigt werden.

Der rezente offene Brief eines Busfahrers in der Tagespresse hat außerdem gezeigt, daß es beileibe nicht nur der vierrädrige motorisierte Verkehr ist, der eine Gefahr darstellt. Radfahrer und Fußgänger gefährden oft genug ihrerseits den Verkehr und das aufgrund der wachsenden Polemik gegenüber Autofahrern mit zunehmender Aggressivität. Nicht umsonst wurden übrigens auch in Nachbarländern sogenannte »shared space«-Zonen wieder abgebaut: Die Unfallzahlen stiegen Erhebungen zufolge drastisch an, nachdem offiziell alle Verkehrsteilnehmer in diesen Zonen gleichberechtigt waren, faktisch jedoch Radfahrer und Fußgänger den auf die Plätze verwiesenen Autofahrer in Sachen Dominanz ablösten. Das ist aber keine Gleichberechtigung.

Nicht selten erlebt man auch hierzulande in diesen Zonen, daß Radfahrer oder Fußgänger versuchen, Autofahrer »zu testen«, indem etwa ruckartig auf die Fahrbahn eingebogen wird oder einfach mitten auf dieser ein Schwätzchen gehalten wird. Das Verhalten auf normalen Straßen an roten Ampeln oder im toten Winkel wurde ja in dem genannten Brief beschrieben. In einer Zeit, wo die Ellenbogenmentalität und der Egoismus in der Gesellschaft immer stärker werden, geht es auch im Straßenverkehr härter zu. Manche Busfahrer, die diesen Albtraum täglich miterleben, sind nach ein paar Jahren einfach ausgebrannt. In diesen Zeiten Regeln zu entfernen, anstatt ihre Einhaltung zu kontrollieren, scheint nicht sehr plausibel.

Ein neues Mobilitätskonzept und die Förderung neuer Verkehrsmittel als Alternativen zum Auto sind wichtig, um die Ballungszentren vor dem Kollaps zu bewahren. Doch läßt sich dies nach jahrzehntelangem Stillstand weder mit der Brechstange, noch mit Stigmatisierungen verwirklichen auch wenn Herr Rifkin das toll fände. Das Auto, auch mit alternativen Antrieben, ist und bleibt ein Verkehrsmittel, wie das Fahrrad oder der Bus. Es sollte genauso zur freien Wahl stehen, wie alle anderen. Ein adäquater öffentlicher Transport wird schon seine Überzeugungskraft haben, auch mal umzusteigen.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Donnerstag 12. Oktober 2017