Lob des Kriegsverrats

Ein Unbeugsamer: Der Wehrmachtsdeserteur Ludwig Baumann ist gestorben

Er war ein lebender Beweis dafür, daß Wehrmachtssoldaten sich auch anders entscheiden konnten: Der Deserteur und Friedenskämpfer Ludwig Baumann ist am vergangenen Donnerstag im Alter von 96 Jahren in Bremen gestorben. Zu seinen größten politischen Erfolgen gehörte die Rehabilitierung der Opfer der Wehrmachtsjustiz.

Als junger Mann war Baumann nach eigener Einschätzung ganz und gar unpolitisch. Dennoch währte seine Wehrmachtszeit – als Besatzungssoldat in Bordeaux – recht kurz. Den Ausschlag gab ausgerechnet ein Propagandastreifen in der Nazi-Wochenschau, der zeigte, wie Hunderttausende sowjetische Kriegsgefangene in improvisierten Lagern vegetieren mußten. Baumann erfreute sich nicht am deutschen Vormarsch, sondern stellte sich die Frage, wie diese Gefangenen in ihren dünnen Uniformen auf freiem Feld den Winter überleben sollten. »Ich hatte erkannt, daß es ein verbrecherischer, völkermörderischer Krieg war.« Im Juni 1942 floh er mit seinem Freund Kurt Oldenburg, wurde aber schon tags darauf von einer deutschen Zollstreife aufgegriffen. Er war bewaffnet und hätte sie niederschießen können, aber: »Wir hätten auf Menschen schießen müssen, und das wollten wir nicht.«

Baumann wurde zum Tode verurteilt und verbrachte zehn Monate in einer Zelle, Tag und Nacht an Händen und Füßen gefesselt, jeden Morgen, wenn die Wärter vorbeikamen, seine Erschießung erwartend. Erst zehn Monate nach der Verurteilung erfuhr er, daß er bereits seit acht Monaten begnadigt war. Ab April 1943 folgten die weiteren Stationen: KZ Esterwegen, Wehrmachtsgefängnis Torgau, Einsatz im »Bewährungsbataillon 500«. Was ihm das Leben rettete, war eine Kugel in den Arm und ein tschechischer Arzt, der die Genesung absichtlich verzögerte. Sein Freund Kurt Oldenburg hingegen schaffte es nicht. Nach dem Krieg hatte Baumann keine Chance, die erlittenen Traumatisierungen zu verarbeiten. Während die allermeisten Nazitäter unbescholten blieben oder gar ihre Karrieren fortsetzten, galt Baumann als vorbestraft, wurde, wie er in seiner Autobiographie schreibt, als »Feigling« und »Dreckschwein« verunglimpft, verfiel dem Alkohol und versoff sein Erbe. Erst der Tod seiner Frau und die Verantwortung, die sechs Kinder nun allein großzuziehen, rüttelten ihn wach.

Eine Art politischer Befreiung erfuhr Baumann dann mit der Friedensbewegung der 1980er Jahre. Die Aufstellung eines Deserteursdenkmals in Bremen – damals noch eine ungeheure Provokation – »hat mich dazu gebracht, mein Schicksal wieder in die Hand zu nehmen und darum auch zu kämpfen«. 1990 gründete er mit 37 anderen Deserteuren die »Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz«, die mit Unterstützung prominenter Militärhistoriker wie Manfred Messerschmidt und Wolfram Wette für die Rehabilitierung von Deserteuren und Kriegsverrätern kämpfte. Diesen Kampf gewannen sie, gegen viele Widerstände.

Dabei ging es Baumann stets darum, sich in aktuelle Auseinandersetzungen einzumischen. Deswegen sprach er unzählige Male auf Demonstrationen, gegen den Afghanistan-Krieg, gegen Gelöbnisse und Zapfenstreiche der Bundeswehr, gegen Naziaufmärsche. Er sprach vor Schulklassen, und auch als der Bundestags-Rechtsausschuß über die Rehabilitierung der Wehrmachtsjustizopfer diskutierte, unterließ es Baumann – sehr zum Mißfallen konservativer und sozialdemokratischer Politiker – nicht, den Bogen zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr zu schlagen. Das Bombardement von Kundus, dem im September 2009 140 Zivilisten zum Opfer fielen, nahm Baumann als beunruhigendes Omen für künftige deutsche Kriegsverbrechen.

Neben seiner humanistischen Grundhaltung zeichnete sich Baumann dadurch aus, daß er sich niemals hat kaufen lassen. Nicht von der HJ, nicht von der Wehrmacht. Als die Grünen, seine einstigen Verbündeten, 1999 den Überfall auf Jugoslawien beschlossen mit der Begründung, man müsse ein »zweites Auschwitz« verhindern, warf ihnen Baumann eine »ungeheuerliche Verhöhnung der Opfer von Auschwitz vor«. Er suchte und fand Unterstützung bei der PDS-Fraktion im Bundestag. Der sächsischen Landesregierung, die in Torgau eine »totalitarismustheoretische«, faschistische Verbrechen mit sowjetischen Verfehlungen gleichsetzende Erinnerungspolitik betreibt, warf er vor, aus dem Gedenken eine Schändung der Opfer zu machen; deswegen stieg er aus dem Gedenkstättenbeirat aus. Und als ihm vor wenigen Jahren das Bundesverdienstkreuz angeboten wurde, lehnte er ab, »weil ich keinen Orden haben will, den auch ehemalige Nazis tragen.«

Baumanns Biographie spiegelt die Geschichte der Aufarbeitung der Naziherrschaft in der BRD, und zugleich hat er diese Aufarbeitung positiv beeinflußt. Er hat es geschafft, den von den Nazis diffamierend gemeinten Begriff des »Kriegsverräters« in einen antimilitaristischen Ehrentitel umzudeuten: Was könne es Besseres geben, als den Krieg zu verraten, betonte er immer wieder. Das sollte anspornen, weiterzumachen: Noch immer gibt es Kriege, die verraten gehören.

Frank Brendle, Berlin

Ludwig Baumann am Denkmal für die Opfer der Nazi-Militärjustiz, das 2010 vor dem ehemaligen Wehrmachtsgefängnis und der heutigen JVA Torgau enthüllt wurde. Baumann selbst kam 1943 nach Torgau (Foto: dpa)

Mittwoch 11. Juli 2018