Vor 40 Jahren

Entführung des SS-Kriegsverbrechers Kappler aus der Haft in Italien

Zur Kampagne über eine angebliche »Entführung« eines Vietnamesen nach Hanoi, in der sich die Regierenden in Berlin zu Hütern des Internationalen Rechts aufspielen, fällt auf, daß die deutsche Bundesanwaltschaft ansonsten keinen Anstoß daran nimmt, daß beispielsweise die CIA die Bundesrepublik als Spielwiese ihrer Operationen benutzt, oder der Geheimdienst des türkischen NATO-Partners ungestört sein Unwesen treiben kann, was natürlich gegen Internationales Recht wie auch das deutsche Grundgesetz verstößt.

Im Fall des sozialistischen Vietnam werden die Behauptungen einer angeblichen Entführung des derzeit in Hanoi wegen Millionen schwerer Korruption und der Veruntreuung von Staatsgeldern vor Gericht stehenden früheren Managers Trinh Xuan Thanh zum Anlaß genommen, wegen des Verdachts geheimdienstlicher Agententätigkeit und der »Freiheitsberaubung« Ermittlungen aufzunehmen. Als langjähriger Korrespondent in Italien (1973-1979) fällt mir dazu noch eine Parallele ein. Im August 1977 leistete sich die BRD eklatante Verstöße gegen Völkerrecht und Grundgesetz, von der Schützenhilfe für einen SS-Kriegsverbrecher ganz zu schweigen.

In der Nacht zum 15. August konnte damals der in Italien zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilte Nazi-Kriegsverbrecher Herbert Kappler aus dem Militärgefängnis Celio bei Rom in die Bundesrepublik Deutschland entkommen, wo er in seinem Geburtsort Soltau frenetisch gefeiert wurde. Wie italienische Zeitungen schon am nächsten Tag berichteten, hatten deutsche und italienische Komplizen den Ausbruch organisiert. Daran direkt beteiligt war eine Gruppe von ehemaligen führenden Nazis zusammen mit Geheimdienstlern, darunter aus dem Militärischen Abschirmdienst (MAD) der Bundeswehr. Ein »zahlreicher Freundeskreis« habe die Operation mit großen finanziellen Beträgen unterstützt.

Der Stab der Organisatoren befand sich, schrieb die Zeitung »Europeo«, in Bonn im Hause eines hohen Politikers und im Südtiroler Bozen bei ehemaligen SS-Kameraden. Namentlich nannte das Blatt einen früheren SS-Sturmbannführer Böhm, ein Mitarbeiter Kapplers, der SS-Kommandant von Rom war. Am 25. März 1944 hatte er die Ermordung von 335 Geiseln in den Ardeatinischen Höhlen bei Rom kommandiert. Die Justizbehörden in Bonn verweigerten die von Italien geforderte Auslieferung.

Der Geiselmord in den Tuffsteinhöhlen war eines der barbarischsten Verbrechen des Besatzungsregime Hitlerdeutschlands in Italien. Zeitungen des Landes erinnerten ausführlich daran, was sich damals ereignete. Die Hauptstadt war Anfang 1944 nach einer Vereinbarung mit der deutschen Besatzungsmacht zur »offenen Stadt« erklärt worden. Die faschistische deutsche Wehrmacht hielt sich nicht an die Verpflichtung, ihre Truppen abzuziehen, und die Alliierten flogen daraufhin am 19. März 1944 einen schweren Luftangriff auf Rom. Daraufhin beschloß der Militärausschuß des Nationalen Befreiungskomitees (CLN), den der Sozialist Sandro Pertini (1978-1984 Staatspräsident Italiens) damals leitete, für 23. März einen Angriff auf eine Einheit des SS-Regiments von Bozen in der Via Rasella, bei dem 32 SS-Leute getötet wurden. Ein weiterer Mann starb später an seinen Verwundungen.

Kappler ließ daraufhin am 25. März als Vergeltung 335 Geiseln hinrichten. Einige der Opfer erschoß er persönlich. Festgelegt war, je zehn Geiseln für einen toten SS-Mann zu exekutieren. Es waren jedoch fünf zu viel zusammengetrieben worden, die Kappler nicht am Leben lassen wollte.

Unter den Ermordeten befanden sich 38 Militärs, darunter die Generäle Corrado Simoni, ein Kriegsheld des Ersten Weltkrieges), Dardano Fenulli und Martelli Castaldi sowie Oberst Giuseppe Cordero Lanza di Montezemolo, die antifaschistische Positionen eingenommen hatten. Die anderen 297 Menschen waren Zivilisten: Kommunisten, Sozialisten, Christdemokraten und Anhänger der Monarchie, darunter 70 Juden. Die älteste Geisel war 75 Jahre, die jüngste ein 14-jähriger Junge. Keiner der Exekutierten stand in irgendeiner Beziehung zu dem Partisanenangriff.

Vor allem ein Buch des Publizisten Guido Gerosa »Il Caso Kappler. Von den Ardeatinischen Höhlen nach Solta«, das schon kurz nach der Flucht des SS-Mörders erschien, erregte die Öffentlichkeit. Der Autor schilderte, wie die Geiseln in die Tuffsteinhöhlen hinabgetrieben wurden, sich in Fünferreihen aufstellen mußten und dann durch Genickschuß umgebracht wurden. Als der Leichenberg anwuchs, mußten die folgenden Opfer auf die bereits Erschossenen treten. Nach dem Ende des neun Stunden dauernden grausigen Blutbades wurden die Höhlen durch Sprengung zugeschüttet.

Kappler beteiligt sich auch an der Verfolgung der Palastverschwörer, die im Juli 1943 den »Duce« stürzten. Den zu ihnen gehörenden Schwiegersohn Mussolinis, Graf Galeazzo Ciano, lockte er nach Rom und lieferte ihn Mussolini aus, der ihn am 11. Januar 1944 hinrichten ließ. Die Tochter König Vittorio Emanuele III., des ranghöchsten Verschwörers vom Juli 1943, Marfalda von Savoyen, lockte Kappler in die deutsche Botschaft, wo sie festgenommen und in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert wurde, das sie nicht überlebte. Gerosa legte auch dar, wie Kappler gegen die jüdische Gemeinde von Rom vorging. Mit dem Versprechen, es werde ihnen nichts geschehen, erpreßte er von ihnen 80 Kilo Gold. Danach ließ er am 16. Oktober 1944 das jüdische Ghetto von Rom liquidieren. 1.007 Juden, darunter Alte und Kinder, Kranke und Schwangere wurden in die Konzentrationslager verschickt, von denen nach 1945 nur 15 lebend zurückkehrten.

Guido Gerosa deckte in seinem Buch die unbewältigte braune Vergangenheit in Westdeutschland auf und schrieb, die herzliche Begrüßung des verurteilten SS-Verbrechers in der Bundesrepublik sei »ein Symbol für diese unbewältigte Vergangenheit«, worüber man sich aber nicht wundern müsse. Er hielt der BRD den Spiegel vors Gesicht, und machte darauf aufmerksam, daß es sieben Jahre vor der Flucht Kapplers in der Bundeswehr noch 176 Generale gab, die als höhere Offiziere unter Hitler gedient hatten. Italienische Zeitungen verwiesen darauf, daß seit den Zeiten von Bundeskanzler Konrad Adenauer führende Politiker der Bundesrepublik, darunter 232 Bundestagsabgeordnete und Mitglieder der damaligen Bundesregierung, die Freilassung Kapplers gefordert hatten.

Gerhard Feldbauer

Während die BRD sich um den Nazi-Kriegsverbrecher Kappler bemühte, ehrte die DDR 1974 das Andenken an die Opfer des Massakers der SS in den Fosse Ardeatine 1974 mit einer Sonderbriefmarke

Freitag 12. Januar 2018