Unser Leitartikel:
Physische und psychische Konsequenzen

Kürzlich startete das Gesundheitsministerium eine neue Kampagne zur Sensibilisierung für Depressionen. Diese Krankheit, und nichts anderes ist es, wird immer noch tabuisiert, verharmlost und ins Lächerliche gezogen oder gar gänzlich unter den Teppich gekehrt. In einer Gesellschaft, in welcher der Einzelne zu funktionieren hat, fallen Abweichungen von der Norm schell auf und psychische Erkrankungen werden allzu oft als persönliche Schwäche und Unfähigkeit umgedeutet.

Dabei warnen Mediziner bereits seit Jahren vor der massiven Zunahme psychischer Erkrankungen, die direkt oder indirekt mit der Lohntätigkeit und der damit einhergehenden Streßsituationen im Alltag zusammenhängen. Arbeitszeiten, Entlohnung und Umstände, unter denen Beschäftigte ihrer Tätigkeit nachgehen müssen, stehen in steigendem Maße der menschlichen Natur und den Bedürfnissen des Einzelnen gegenüber.

Wehe dem, der nicht bis ins hohe Alter nahezu rund um die Uhr bereit ist, seine Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen, weil er etwa krank ist oder einfach nicht mehr kann. Diese Menschen werden als arbeitsunwillig gebrandmarkt. Vielfach akzeptieren Unternehmen nur widerwillig, daß sie gegenüber einem Mediziner nicht das letzte Wort haben können. Spitzelei und Mobbing, auch unter den Bediensteten, bis hin zum heimischen Krankenlager sind keine Seltenheit.

Ständig und immer wieder fordert die Unternehmerseite schrill, dem »völlig grundlosen Absentismus« endlich einen Riegel vorzuschieben. Allein das Wort läßt keinen Zweifel daran, daß jeder Kranke unter Generalverdacht genommen wird. Absentismus umschreibt das Fernbleiben vom Arbeitsplatz aus Motivationsgründen oder privaten Problemen, nicht aber aufgrund von Krankheit. Am lautesten krakeelen dabei für gewöhnlich jene Unternehmen, die ganz besonders wenig Wert auf ein akzeptables Arbeitsumfeld legen, ausnahmslos den Mindestlohn zahlen und keinen Respekt vor dem Privatleben der Beschäftigten haben.

Die Gesellschaft hätte heute die Möglichkeit, alle Menschen am technischen Fortschritt und dem daraus resultierenden Wohlstand teilhaben zu lassen. Die ständig gestiegene Produktivität der Arbeit läßt mit immer geringerem Aufwand immer mehr Profit abwerfen und eine nennenswerte Wochen- und Lebensarbeitszeitverkürzung sollte ein aktuelles Thema sein. Die Einzigen, die diesem Fortschritt im Wege stehen, sind jene, die immer wieder nach Repression schreien.

Dies zuletzt ganz besonders, als Arbeitsminister Schmit mit Blick auf den herannahenden Parlamentswahlkampf und die schlechten Umfragewerte der Sozialdemokraten eine Anhebung des Mindestlohns thematisierte, nachdem der OGBL bekanntermaßen seine neue Kampagne für mehr Kaufkraft lancierte.

Die kommenden Jahre werden zeigen, inwieweit es gelingen wird, insbesondere unter dem Zeichen von »Industrie 4.0« ein gerechteres Stück vom Wohlstandskuchen unter der Bevölkerung zu verteilen, als dies bisher der Fall war. Zu diesem Wohlstand gehört auch eine neue Definition von Arbeit und Leben, denn Gesetze gegen Alkohol, Tabak und Zucker sind keine Lösungen im Kampf gegen gesundheitsschädliche Arbeitsbedingungen.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Donnerstag 30. November 2017