»Den Griechen ist schwindelig geworden«

Im Gespräch mit Mikis Theodorakis – Über die Krise, die Harmonie, die Musik und einen neuen Film über sein Leben

Der Film »Dance, Fight, Love, Die«, den Asteris Koutoulas aus 30 Jahren Ihres Lebens extrahiert hat, ist das cineastische Werk eines Freundes. Erkennen Sie sich wieder? Oder fehlt Ihnen etwas Wichtiges?

Ich erkenne einen Teil von mir wieder, vor allem den musikalischen. Reich an Handlung, ist der Film insgesamt eine große Arbeit. Ich fand viel über meine Beziehungen zu anderen Menschen, zu den Kollegen und Freunden. Diese meine Beziehungen erscheinen in einem milden, freundlichen und einfachen Licht. Es taucht in dem Film allerdings auch der andere Mikis auf – jener Patriot und Kämpfer in einer Gesellschaft, in der oft Fanatismus, Haß, Zorn, Enttäuschung und große Wut meinen eigentlichen Charakter und mein natürliches Verhalten verfälschten. In solchen Phasen konnte ich wild werden und sicher auch ungerecht – weil der Fanatismus zu Taten hinreißt, die die Grenzen deines »Ich«, deines »du selbst« überschreiten. Man wird ein anderer …

Sein Film sei »aus dem Geist der Musik« entstanden, sagt der Regisseur. Was hat in Ihrem langen Leben diesen Geist befördert?

Es ist so, daß ich mich 1940 zwischen gesellschaftspolitischem Engagement und der Kunst der Musik bewegte – am Ende war es die Musik, die mir mehr Freude machte. Philosophisch gesprochen: Ich denke, unter den in dieser Welt vorherrschenden Gegensätzen, die einerseits Harmonie und andererseits Chaos kennzeichnen, ist Musik das, was sich mit Harmonie deckt. Ich gestehe daher, daß das Leben es gut gemeint hat mit mir.

Als Komponist und Musiker haben Sie Ihr Leben lang nach Harmonie gesucht in einem Jahrhundert voller Chaos und Dissonanz. Haben Sie diese Harmonie in Ihrem ganz privaten Leben gefunden?

Im Großen und Ganzen, ja!

Musik ist nicht nur Spielen oder stilles Zuhören. Sie ist auch Kommunikation zwischen Musikern und Publikum, bisweilen wie in einer amourösen Beziehung. Wie verändert sich das durch MP3 und Internet?

Normalerweise dürfte das eine das andere nicht behindern. Das kapitalistische System allerdings, in dem persönlicher Gewinn der Maßstab ist, hat die Menschheit an einen gefährlichen Abgrund geführt. Und einer der Gründe für diese Katastrophe ist, daß das System einfache menschliche Beziehungen zerstört – darunter jenen kreativen Kontakt, der im »Sein und Werden« der Livemusik ensteht. Das sind reine, erotische Beziehungen, wie Sie das treffend nennen.

Wie beschreiben Sie Ihre Beziehung zum Regisseur Asteris Koutoulas, den Sie in der DDR kennengelernt haben, als Sohn politischer Exilanten, die nach dem Krieg aus Athen geflüchtet waren?

Vollkommen familiär!

Würden Sie sich einen Spielfilm über den Widerstandskämpfer, Politiker – den Bürger Theodorakis wünschen?

Daß es einen solchen Film gäbe, wünsche ich mir nicht so sehr für mich selbst, sondern für mein Heimatland, das immer noch mißachtet ist im internationalen Raum. Wie viele Filme sind gedreht worden, in denen das Leben, die Errungenschaften und die Kämpfe der privilegierten Völker gezeigt wurden? Und wenn ausnahmsweise Völker der Kategorie »B«, wie Araber, Afrikaner oder Balkanbewohner ins Spiel kommen, dann nur, um die vermeintliche Überlegenheit der der privilegierten Länder im Vergleich mit den sogenannten Entwicklungsländern zu verdeutlichen, wie beispielsweise bei »Lawrence von Arabien«.

Griechenland hat eine in jeder Hinsicht reiche moderne Geschichte. In meinem Fall bietet sie – außer der »Waffe« Musik – auch die unvergleichlichen Kämpfe um Freiheit und Demokratie. Der berühmte Film »Alexis Sorbas« zum Beispiel zeigt davon nur eine Facette, allerdings einen Tanz, der in jedem Winkel der Welt nachvollzogen werden kann, mit der erstaunlichen und rührenden Teilnahme der einfachen Menschen auf den Straßen und Plätzen.

In der Tat würde ich sagen, daß dieser griechische Tanz die Überlegenheit der neugriechischen Kultur beweist, indem er die Menschen dazu bringt, aufrecht und voller Freude untergehakt zu tanzen – auch wenn uns der Imperialismus gebückt, depressiv und zerrissen haben will. Schauen Sie nicht auf die Krise, in die uns das Ausland gestürzt hat. Der Kern Griechenlands ist die Harmonie.

In Koutoulas’ Film ist in einigen Szenen auch Ihre Lebensgefährtin Mirto zu sehen. Sie war Ärztin und hat ihre wissenschaftliche Begabung der Rolle als Ehefrau geopfert. Hat Sie das berührt? Hatten Sie deswegen bisweilen ein schlechtes Gewissen?

Mirto ist für mich die große Liebe und der große Schmerz. Ich weiß, daß sie ihre Träume für mich und die Kinder geopfert hat …

Koutoulas läßt einige Szenen aus Ihrer teilweise sehr mystischen Autobiographie »Die Wege des Erzengels« nachspielen. Das junge Paar, dessen Liebe am Ende zu scheitern scheint – wie würden Sie diese Szenen dem Publikum gegenüber auflösen?

Der Mythos ist die dritte Seite meines »Ich«. Das Geheimnisvolle. Wir werden Phantasmen nun mal so zeigen müssen wie sie sind. Ohne logische Erklärungen. Denn da, wo das Phantastische beginnt, endet die Logik.

Eine einzige und letzte Frage zur Tagespolitik: In der Athener Zeitung »Ta Nea« und in »Chania« haben Sie kürzlich wieder eine »Volksfront« gegen die europäische, die finanzpolitische Unterwerfung ihres Landes gefordert. Harten Widerstand also. Wie könnte dieser Widerstand aussehen? Wollen Sie selbst mit 92 Jahren noch eingreifen? Sie und der ein Jahr ältere Antifaschist Manolis Glezos?

Das ist nunmehr Vergangenheit. Denn unter Anwendung der Rezepte der extremen politischen Rechten übertraf die sogenannte linke Regierung sogar die Politik von »Schock und Ehrfurcht«, mit der der IWF den Willen und die Wünsche des Volkes zerstört hat. In Griechenland existiert gegenwärtig nicht einmal die Spur eines Volkes. Den Griechen ist schwindelig geworden, sie haben sich hingelegt. Wer weiß schon, wie und wann sie es schaffen werden, wieder aufrecht auf beiden Füßen zu stehen? Wen sollen wir also rufen, der Glezos und ich? Die Liegenden?

Das Interview für die Tageszeitung »junge Welt« führte Hansgeorg Hermann

Wie sollen die Griechen jemals ohne ihn auskommen? Mikis Theodorakis bei einer Rede im Mai 2011 in Athen

Freitag 1. Dezember 2017