Unser Leitartikel:
Trumps Ritt auf der Bombe

Der Präsidentendarsteller im Weißen Haus hat tatsächlich den größeren. Gemeint ist hier nicht nur der größere Auslöser für das Atomwaffenarsenal, mit dem er erst vor wenigen Tagen wie ein durchgeknallter Teenager angegeben hatte und womit er seinen vermeintlichen Gegenspieler Kim in Pjöngjang ausstechen wollte. Tatsache ist, daß er wirklich über ein Arsenal, also ein riesiges Waffenlager an Bomben und Raketen verfügt, die mit Atomsprengköpfen ausgestattet sind oder werden können – ein Arsenal, das ausreicht, um die ganze Erde und jegliches Leben auf ihr mehrfach auszulöschen. Im Fall Nordkorea wird lediglich angenommen, daß es einige Atombomben gibt, und auch bei den Trägermitteln ist noch so manche Frage über die technischen Möglichkeiten offen.

Hinzu kommt, daß Trump samt seiner gut geölten Medienmaschinerie unverhältnismäßig mehr ausrichtet als der nordkoreanische Propaganda-Apparat. Denn auch für Trump gilt, was Hitlers Reichspropagandaminister einst als Maxime formuliert hatte: Eine Lüge kann noch so groß sein, man muß sie nur oft genug wiederholen, damit sie geglaubt wird.

Es ist keineswegs erwiesen, daß die Raketen aus dem Norden der koreanischen Halbinsel – ob mit oder ohne Atomsprengkopf – in der Lage sind, das Territorium der USA zu erreichen, und wenn überhaupt, dann mit Sicherheit nicht das gesamte Gebiet. Das gilt auch für den Bundesstaat Hawaii, der immerhin rund 7.000 Kilometer von Korea entfernt ist. Da aber die offensichtlich aus propagandistischen Gründen aufgestellte Behauptung von Kim Jong Un, »seine« Raketen könnten die USA erreichen, zigtausendfach in den westlichen, vor allem den US-amerikanischen Medien wiedergekäut wurde, gibt es auch immer mehr Menschen, die daran glauben.

Als also an diesem Wochenende ein möglicherweise übermüdeter Sicherheitsmann auf Hawaii beim Schichtwechsel möglicherweise aus Versehen einen möglicherweise falschen Knopf gedrückt und damit einen Atomalarm für den Bundesstaat ausgelöst hat, entstand verständlicherweise eine unüberschaubare Paniksituation. Menschen fühlten sich an die – zum größten Teil völlig sinnlosen – Atomalarme in den USA der fünfziger Jahre erinnert, bei denen Schulkinder sich unter den Schultischen zu verstecken hatten und alle, die das nötige Kleingeld für einen privaten Bunker hatten, sich in ihren Kellerräumen einschlossen. Ähnliche Bilder gab es während der 38 Minuten, in denen auf Hawaii Atomalarm herrschte. Private Bunker wurden aufgesucht, Menschen rannten um ihr Leben, telefonierten zum vermeintlich letzten Mal mit ihren Angehörigen. Ein Mann wurde gezeigt, der wenigstens das Leben seiner kleinen Tochter retten wollte, indem er sie in einem Gully versteckte.

Eigentlich wäre diese groteske Situation ein weiterer Grund, sind darüber Gedanken zu machen, wie das alles zu vermeiden ist. Man muß kein Experte sein, um zu erkennen, daß weder eine weitere atomare Aufrüstung, noch weitere verschärfte Sanktionen gegen Nordkorea eine Lösung herbeiführen.

Selbst wenn es gelänge, Nordkorea zum Verzicht auf das Atom- und Raketenprogramm zu bewegen, und gleichzeitig die Atomwaffen der USA aus Südkorea abzuziehen und damit tatsächlich die gesamte koreanische Halbinsel atomwaffenfrei zu machen, wäre das nur ein Schritt zur Lösung. Die richtige Antwort kann nur sein, endlich den in der UNO ausliegenden Vertrag über die Abschaffung aller Atomwaffen zu unterzeichnen – und schrittweise zu dessen Umsetzung überzugehen.

Uli Brockmeyer

Montag 15. Januar 2018