Unser Leitartikel:
Diagnose: Marktversagen

Im Vergleich zu den akuten Krisen dieser Welt scheint das Thema einer Konferenz, die am Montag in Berlin stattfand, abseitig. Es ging um die Bekämpfung multiresistenter Erreger. Das Thema ist jedoch alles andere als abseitig, die Szenarien sind geradezu apokalyptisch: Bis zum Jahr 2050 könnte die Zahl der Opfer dieser Bakterien einer Studie der britischen Regierung zufolge auf zehn Millionen pro Jahr steigen. Doch wie für andere brennende Fragen haben die Herrschenden auch für dieses Menschheitsproblem keine adäquate Lösung anzubieten.

Schon ist von einem »post-antibiotischen Zeitalter« die Rede. Denn immer mehr Bakterien entwickeln Resistenzen gegen diese wichtigen Arzneistoffe. Viele Erreger sind multiresistent, so daß kein oder kaum ein Antibiotikum mehr gegen sie wirkt. Für Menschen mit geschwächtem Immunsystem – also längst nicht nur Frischoperierte, Frühgeborene und Alte – ist das lebensgefährlich.

Kooperationsminister Romain Schneider, der die Gesundheitsministerin zu der Konferenz begleitete, nannte Antibiotikaresistenzen zurecht eine »globale Bedrohung«, die gemeinsam zu bekämpfen sei, indem »sowohl die Investition in die Entwicklung von neuen und verbesserten Antibiotikabehandlungen, als auch deren Auslieferung an die Industriestaaten und die Entwicklungsländer der Schlüssel« sei. Deshalb sei es »unsere gemeinsame Verantwortung, die ehrgeizigen Ziele von GARDP auf internationalem Niveau zu unterstützen«. Die luxemburgische Regierung hat der »Global Antibiotic Research and Development Partnership« 100.000 Euro bereitgestellt, insgesamt kamen auf der Geberkonferenz 56,5 Millionen Euro für die Erforschung und Entwicklung neuer Antibiotika zusammen.

GARDP wurde im Frühjahr 2016 auf Betreiben der Weltgesundheitsorganisation WHO und der in Genf ansässigen Vereinigung ohne Gewinnzweck »Drugs for Neglected Diseases initiative« (DNDi) ins Leben gerufen. Die gemeinnützige Forschungs- und Entwicklungsinitiative sorgt seit 2003 dafür, daß für die Ärmsten dieser Welt Medikamente gegen Krankheiten erforscht und entwickelt werden, die von den privaten Pharmakonzernen vernachlässigt werden. In Afrika wurden so viele Millionen Menschen mit einem neuen Malariamedikament behandelt. Die Behandlungen kosten einen Dollar für einen Erwachsenen und die Hälfte für ein Kind. Für Malariamedikamente gilt das selbe wie für Antibiotika: Weil den privaten Pharmakonzernen die in Aussicht stehende Profitrate nicht hoch genug ist, werden keine Gelder in die Forschung gesteckt. Auf der Berliner Konferenz wurde gesagt, »zahllose« Antibiotika-Entwicklungsprogramme seien in den vergangenen dreißig Jahren eingestellt worden.

Deswegen setzen Non-Profit-Organisationen wie DNDi und GARDP auf neue Wege, um das Monopol der Pharmaindustrie auf die Entwicklung neuer Medikamente zu umgehen. Das von DNDi verwendete Medikament zur Malariabekämpfung ist das erste Präparat, das ohne Patentschutz entwickelt wurde und daher zum Herstellungspreis verkauft werden kann.

Das zeigt, daß Privatisierungsgegner neben dem, was schon einmal Bestandteil öffentlicher Fürsorge war – wie die Versorgung mit Wasser, Energie und Spitälern –, auch die Medikamentenentwicklung, die bisher den privaten Pharmakonzernen überlassen wurde, in den Fokus nehmen sollte. Gerade in diesem Bereich läßt sich das Marktversagen gut beobachten: Entweder die durch Patente geschützten Arzneien sind für die Patienten zu teuer. Oder aber die privaten Pharmakonzerne haben erst gar kein Interesse an der Forschung für Medikamente, deren Profitrate ihnen zu niedrig ist.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Donnerstag 7. September 2017