Scheinheilig in Rom
Frankreichs Präsident besucht den Papst. Zu Hause planen Neofaschisten den Bürgerkrieg
Papst Franziskus hat am Dienstag im Vatikan Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron und dessen Frau Brigitte empfangen. Macron wurde in der Lateranbasilika zum »Ehrenkanoniker« ernannt; ein Titel, der seit dem 17. Jahrhundert traditionell französischen Königen und später den Präsidenten der Republik verpaßt wurde. Während der in Jesuitenseminaren erzogene Macron und seine Frau, die als Lehrerin in jesuitisch geführten Eliteschulen wirkte, sich in Rom als gehorsame Katholiken präsentierten, ging zu Hause der Inlandsgeheimdienst gegen ultrarechte Gruppen vor. Eine sich »Action des Forces opérationnelles« (AFO) nennende neofaschistische Zelle plante offenbar Attacken auf muslimische Einrichtungen. Die Polizei nahm zehn mutmaßliche Terroristen fest, unter ihnen einen pensionierten Kollegen.
Mit seinem Besuch folgte Macron der vom rechtskonservativen früheren Präsidenten Nicolas Sarkozy vorgegebenen politischen Linie, Frankreich als »ein Land christlicher Kultur« zu präsentieren und damit vor allem die auf rund drei Millionen Mitglieder geschätzte muslimische Gemeinde des Landes zu Franzosen zweiter Klassen zu degradieren. Das seit 1905 geltende Gesetz zur »Teilung von Staat und Kirche« verbietet den Regierenden, jedwede Religion in die als streng »laizistisch« definierte Tagespolitik einzubeziehen. Macrons Besuch beim Papst ist nicht nur deshalb brisant: Während des Präsidentschaftswahlkampfes im Frühjahr 2017 hatten die Repräsentanten der jüdischen, muslimischen und protestantischen Gemeinden eine politische Blockade des neofaschistischen Front National (FN) und dessen Kandidatin Marine Le Pen gefordert. Macrons Katholiken hatten zu dem Warnruf geschwiegen.
Während die Geheimdienste in den vergangenen Jahren hauptsächlich gegen »islamistisch geprägten Terror« ermittelten, konnten sich offenbar in aller Ruhe gewaltbereite, ultrarechte Gruppen entwickeln und in ganz Frankreich verbreiten. Nach Angaben des Innenministeriums ist die AFO eine Abspaltung der bekannten »Volontaires pour la France« (VPF), die als politisches Ziel »die Verteidigung der französischen Identität und die Bekämpfung der Islamisierung des Landes« ausgegeben habe. Die VPF sei nach den blutigen Pariser Attentaten vom 13. November 2015 entstanden. Als politische »Führer« präsentierten sich in der Folgezeit der ehemalige EU-Abgeordnete des FN, Yvan Blot, und ein ehemaliger General der Luftwaffe, Antoine Martinez.
Die VPF und ihre gewaltbereiten Ableger verstehen sich nicht nur als Kreuzritter gegen den Islam sondern auch als Bollwerk gegen »das Einsickern illegaler Flüchtlinge« aus den Kriegsgebieten des Mittleren Ostens und den Hungerzonen des afrikanischen Kontinents. Unter die »Volontaires«, die »Freiwilligen im Dienst Frankreichs«, reihten sich mit blauen Anoraks uniformierte Schläger ein, die in den Winter- und Frühjahrsmonaten Immigranten in den südlichen Alpen abfingen und sie zurück auf die italienische Seite der Grenze trieben. Sogar der Geheimdienst ist seit geraumer Zeit sicher, daß sich aus dem Treiben der Neofaschisten »bürgerkriegsähnliche Zustände« entwickeln könnten. Eine von militanten Islamisten und Christen durchaus erwünschte Situation. Wie es in einer im April von der Pariser Tageszeitung »Libération« veröffentlichten Analyse des Inlandsdienstes DGSI (Generaldirektion für innere Sicherheit) heißt, »verbreiten sich auf Blogs und in den sozialen Netzen ungehemmt Aufrufe zu Vergeltungsmaßnahmen und Parolen vom Typ: Tod den Terroristen, Immigranten raus!«
Der Rat der Muslime in Frankreich appellierte am Dienstag an Macrons »Regierung und alle politisch Verantwortlichen, mit größter Entschiedenheit die gegen Franzosen muslimischen Glaubens gerichteten Gewaltakte anzuzeigen«. Die am Montag vor allem im Süden Frankreichs festgenommenen Neofaschisten, unter ihnen der 65-jährige ehemalige Polizist Guy S., sind nach Angaben der DGSI allesamt »passionierte Jäger und Sportschützen«.
Hansgeorg Hermann, Paris
Angelo De Donatis (2.v.l.), Generalvikar der Diozöse Rom, segnet Emmanuel Macron bei dessen Ernennung zum »Ehrenkanoniker« in der Lateranbasilika (Foto: AP/dpa)
Mittwoch 27. Juni 2018
