Test der »Tödlichkeit«
Marinemanöver »Rimpac 2018« im Pazifik. Im Visier stehen China und Rußland
Es ist das größte Marinemanöver der Welt: »Rimpac 2018«, eine von der U. S. Navy geführte Seekriegsübung, die am Mittwoch begann. Rimpac ist die Abkürzung für »Rim of the Pacific« (Rand des Pazifiks). Der Name rührt daher, daß die Vereinigten Staaten von Amerika in das Manöver, das sie seit 1971 regelmäßig vor Hawaii durchführen, vor allem Anrainer des Pazifischen Ozeans einbeziehen. Gestartet mitten im Kalten Krieg als antikommunistische Machtdemonstration gegen die Sowjetunion und die Volksrepublik China, dient die Übung heute vor allem dazu, in der Rivalität mit Peking den Hegemonialanspruch der USA im Stillen Ozean zu markieren.
Hat Rimpac einst als Manöver der USA mit vier besonders engen Verbündeten begonnen – Kanada, Australien, Neuseeland, Britannien –, so ist es im Laufe der Zeit stark gewachsen. Dieses Jahr nehmen über 25.000 Soldaten aus 26 Staaten mit 47 Schiffen, fünf U-Booten und mehr als 200 Luftfahrzeugen daran teil. Zum zweiten Mal seit 2016 ist auch die deutsche Bundeswehr mit dabei.
Was treibt die Bundeswehr im Pazifischen Ozean? Nun, zunächst einmal beteiligt sie sich an einem vielfältigen und anspruchsvollen militärischen Trainingsprogramm. Laut Auskunft der U. S. Navy soll »eine große Bandbreite« an Operationen geübt werden: von klassischer Katastrophenhilfe über »maritime Sicherheitsoperationen« bis hin zu komplexer Kriegführung. Amphibische Operationen, Schießtraining, Übungen zur U-Boot- und zur Luftabwehr, Piratenbekämpfung, Minenräumen, Tauch- und Rettungsoperationen – an alles ist gedacht. Deutsche Marinesoldaten sollen sich nur an einem kleinen Teil der Übungen beteiligen, aber immerhin. Man wolle mit Rimpac die »Letalität« (Tödlichkeit), die »Resilienz« (Widerstandsfähigkeit) und die »Agilität« (Beweglichkeit) der beteiligten Marineeinheiten optimieren, teilt die U. S. Navy mit: Dies sei nötig, um »Aggressionen größerer Mächte auf allen Konfliktfeldern und -ebenen abzuschrecken und abzuwehren«.
Aggressionen größerer Mächte? Von den Staaten, die in der Weltpolitik eine wirklich bedeutende Rolle spielen, sind nur zwei nicht an Rimpac beteiligt: Rußland und China. Rußland nahm 2012 zum ersten Mal teil, wurde aber schon 2014 – der Machtkampf um die Ukraine war eskaliert – wieder ausgeladen. China wurde 2014 und 2016 in Rimpac eingebunden; allerdings störten sich schon damals nicht wenige in Washington an dem Versuch der Obama-Administration, angesichts des eskalierenden Konflikts im Südchinesischen Meer das Großmanöver im Pazifik zu nutzen, um die Beziehungen ein wenig zu verbessern.
Damit ist es nun vorbei. Washington hat Peking Ende Mai kurzfristig ausgeladen und das offiziell mit dem Konflikt im Südchinesischen Meer begründet. Weil China dort auf einigen Riffen militärische Einrichtungen baue, werde man Rimpac von nun an ohne die chinesische Marine durchführen, erklärte USA-Kriegsminister James Mattis am 2. Juni beim diesjährigen »Shangri-La Dialogue«, einer in Singapur abgehaltenen außen- und militärpolitischen Konferenz, die inzwischen als asiatisches Gegenstück zur »Münchner Sicherheitskonferenz« gilt.
Rivalitäten gefördert
China nimmt an Rimpac also nicht mehr teil, dafür wird in diesem Jahr zum ersten Mal Vietnam eingebunden – das Land also, mit dem die USA noch Krieg führten, als sie 1971 das Manöver zum ersten Mal abhielten. Vietnam ist, nach Japan, einer der schärfsten Rivalen Chinas in Asien. Beide Länder führten zuletzt 1979 gegeneinander Krieg, und noch 1988 kam es zu einem heftigen Seescharmützel mit mehr als 60 Todesopfern, als Peking und Hanoi sich über ein Riff der Spratly-Inseln in die Haare gerieten. »Die USA betrachten Vietnam als potentielles Gegengewicht zu Chinas Dominanzstreben in Südostasien, vor allem im Südchinesischen Meer«, erläuterte Ende Mai das USA-Militärblatt »Stars and Stripes«. So komme es, daß Washington »sein Embargo für den Verkauf tödlicher Waffen an Vietnam im Jahr 2016 aufgehoben« und daß in diesem Frühjahr erstmals ein USA-Flugzeugträger einen Hafenbesuch in Vietnam unternommen habe. Nun nehmen die Streitkräfte des Landes also auch an Rimpac teil.
Und nicht nur sie: Auch Indien ist mit Marineeinheiten vertreten. Westliche Strategen zielen schon lange darauf ab, die traditionelle Konkurrenz der beiden größten asiatischen Mächte zu nutzen, um Neu-Delhi gegen Peking in Stellung zu bringen. Ob das gelingt, ist noch lange nicht ausgemacht. Indien besteht bisher auf Unabhängigkeit. So ist es im vergangenen Jahr der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) beigetreten, einem auch militärpolitisch aktiven Bündnis um China und Rußland. Die Beteiligung an Rimpac zielt nun aber in eine andere Richtung. Indische Beobachter notierten aufmerksam, die indische Marine werde sich im Rahmen des Manövers an der Seite von Truppen nicht nur der USA, sondern auch Japans und Australiens bewegen. Diese vier Staaten sind – unter der Bezeichnung »Quad« (Quadrilateral Security Dialogue) – seit einiger Zeit über eine engere Militärkooperation im Gespräch. Entsprechend ist in Washington immer öfter nicht von »asiatisch-pazifischer«, sondern von »indo-pazifischer Sicherheit« die Rede.
Ob’s bei alledem ein Zufall war, daß deutsche Marinesoldaten im Rahmen von Rimpac 2016 an einer Übung teilnahmen, bei der eine Insel von einer – laut Manöverszenario – »radikalen Miliz« namens Draco »befreit« werden sollte? Draco ist ein lateinisches Wort, es heißt auf deutsch Drache, und dieser gilt als Symbol für China.
Südpazifische Inseln bevorzugt
Unter den 26 Staaten, die an »Rimpac 2018« teilnehmen, befindet sich einer, den in Westeuropa kaum jemand kennt: Tonga. Das Königreich zählt rund 170 Inseln im Südpazifik zu seinem Territorium, von denen 36 bewohnt sind. Auf ihnen leben etwas mehr als 100.000 Menschen. Tongas Streitkräfte umfassen nicht einmal 500 Soldaten. Und dennoch ist ihre Einbindung in das Manöver mehr als eine Fußnote wert.
Tonga, Fidschi, die Salomonen, Tuvalu, Vanuatu und einige mehr: Das sind die kleinen Staaten der Inselwelt im Südpazifik, nordöstlich von Australien, nahe an der Datumsgrenze und, so lautet die landläufige Meinung, weltpolitisch völlig ab vom Schuß. Letzteres beginnt sich allerdings als Fehleinschätzung zu erweisen. Denn der Kampf zwischen China und dem Westen um Einfluß erreicht inzwischen ebenjene südpazifische Inselwelt. Peking gewährt den kleinen Ländern der Region, die der Westen weitgehend vernachlässigt hat, Entwicklungshilfe, es unterstützt sie beim Aufbau ihrer Infrastruktur. Die Volksrepublik baut Straßen, hat den Bau eines großen Hafens in Vanuatu finanziert, ist angefragt worden, einen Flughafen auf den Salomonen zu errichten – und der chinesische Konzern Huawei hätte wohl ein Unterseekabel von dort nach Australien verlegt, hätte Canberra das nicht in letzter Minute mit aller Macht verhindert. Australien fürchtet um seinen Einfluß in seinem unmittelbaren Hinterhof; doch das ist nicht alles.
Im Machtkampf zwischen dem Westen und China gewinnen die Inseln des Südpazifiks auch geostrategische Bedeutung. Wieso das so ist, hat Anfang Juni USA-Kriegsminister James Mattis beim »Shangri-La Dialogue« in Singapur erklärt. Die Inseln im Pazifik seien »Amerikas Tor in den Indopazifik«, in den Indischen Ozean und zu Teilen Südostasiens also, erläuterte Mattis. Deshalb werde Washington seine Aktivitäten in der Region verstärken. Westliche Strategen gehen davon aus, daß Peking sich im Südpazifik auf Dauer nicht auf Entwicklungshilfe und sonstige ökonomische Tätigkeiten beschränken wird. Die Volksrepublik sei seit Jahren dabei, Schritt für Schritt ihre Kontrolle über die angrenzenden Meere zu erkämpfen, zur Zeit vor allem über das Südchinesische Meer, schrieb kürzlich Peter Jennings, Leiter des einflußreichen Australian Strategic Policy Institute (ASPI) aus Canberra. Jennings hat recht: China strebt danach, die Bewegungsfreiheit potentiell feindlicher Marinen vor seinen Küsten einzuschränken.
Auf lange Sicht werde die Volksrepublik sich dabei wohl nicht auf das Süd- und das Ostchinesische Meer beschränken, vermutet Jennings: Größerer chinesischer Einfluß im Südpazifik könne die Chance bieten, den pazifischen Manövrierraum US-amerikanischer Flotten zu reduzieren. Das wiederum werden die USA und ihre westlichen Verbündeten kaum akzeptieren. Der britische Außenminister Boris Johnson hat in der Tat bereits angekündigt, London werde neue Botschaften auf Vanuatu, Samoa und Tonga eröffnen. Das ist Teil der Absicht, nach dem Austritt aus der EU die Beziehungen ins einstige britische Kolonialreich wieder zu stärken, dient aber darüber hinaus dem Bestreben, den chinesischen Einfluß zu beschränken. Und dazu trägt auch die Einbindung Tongas in Rimpac 2018 bei.
Jörg Kronauer
Kriegsschiffe der USA, Chiles, Perus, Frankreichs und Kanadas am 24.6. auf dem Weg zum Manöver (Foto: US NAVY/AFP)
Freitag 29. Juni 2018
