Im »feindlichen Ausland«

Vor 50 Jahren starb Fritz Bauer. Der hessische Generalstaatsanwalt verfolgte vehement Nazis in der frühen BRD

Fritz Bauer wurde am 1. Juli 1968 gegen 13 Uhr tot in seiner Wohnung in Frankfurt am Main aufgefunden. Die Kriminalpolizei kam nach Besichtigung der Leiche zu der Einschätzung, daß »ein Tod aus natürlicher Ursache« vorliegen und die Leiche mehr als 24 Stunden im Wasser gelegen haben könnte. Oberstaatsanwalt Krüger wünschte eine Obduktion, um »späteren Redereien vorzubeugen«. Sie unterblieb. Gemäß Bauers testamentarischer Verfügung erfolgte die Einäscherung des Leichnams.

Der ehemalige Kriminaldirektor beim BKA Dieter Schenk, ein renommierter Autor (u.a. »Die braunen Wurzeln des BKA«, »Auf dem rechten Auge blind«), schloß einen Suizid nicht aus, hielt ihn aber für unwahrscheinlich. Erstens hätten Personen, die mit Bauer zuletzt Kontakt hatten, keine entsprechende Stimmung beim hessischen Generalstaatsanwalt beobachtet, zweitens war die Verlängerung seiner Amtszeit um weitere drei Jahre so gut wie bewilligt. Darum schloß Erardo Rautenberg, von März 1996 bis März 2018 Generalstaatsanwalt des Landes Brandenburg, daß – als theoretische Möglichkeit – somit nur ein Unglücksfall oder ein verdeckter Mordfall in Betracht kommen. Aufgrund der genannten Umstände ist das Ende des jüdischen Antifaschisten und westdeutschen Nazijägers Fritz Bauer bis heute unaufgeklärt.

Fritz Bauer, Jahrgang 1903, war mit 27 Jahren Amtsrichter in Stuttgart geworden und damit der jüngste in ganz Deutschland. Die Nazis steckten den Sozialdemokraten im März 1933 ins KZ, nach der Entlassung emigrierte er 1936 nach Dänemark. Die Dänen internierten ihn, und als auch dort die Deportationen der Juden einsetzten, tauchte Bauer unter und floh nach Schweden. Dort gründete er mit anderen Antifaschi­sten, darunter Willy Brandt, die Zeitschrift »Sozialistische Tribüne«. 1949 kehrte er in seine Heimat und seinen Beruf zurück.

Als Generalstaatsanwalt beim Oberlandesgericht Braunschweig sorgte er alsbald international für Aufsehen. Der Exchef des Berliner Wachbataillons, Otto Remer, von Hitler mit der Niederschlagung der Militärrevolte 1944 beauftragt, hatte im Mai 1951 die Attentäter des 20. Juli öffentlich als Landesverräter bezeichnet, worauf der Bundesinnenmini­ster Strafantrag wegen Verleumdung stellte. Diese Anzeige gegen Remer wurde jedoch vom zuständige Braunschweiger Oberstaatsanwalt Erich Topf, einst selbst Mitglied der NSDAP und SA-Rottenführer, nicht angenommen. Sie habe »keine Aussicht auf Erfolg«, lautete die Begründung für die Ablehnung.

Fritz Bauer als leitender Staatsanwalt intervenierte, klagte gegen Remer wegen übler Nachrede in Tateinheit mit Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener und sorgte für die Versetzung von Topf. Bauer führte einen politischen Prozeß: Er verteidigte die Männer des 20. Juli und führte zugleich den Nachweis, daß das Nazireich – entgegen der in der BRD gültigen Auffassung – kein Rechtsstaat gewesen ist. Und nannte ihn »Unrechtsstaat«.

Auch wenn heute so getan wird, als habe Fritz Bauer damals die öffentliche Meinung verändert, zumal er als hessischer Generalstaatsanwalt Jahre später die Frankfurter Auschwitz-Prozesse auf den Weg brachte, so ist das nicht nur eine falsche Annahme. Es handelt sich um eine Lebenslüge der Bundesrepublik, die inzwischen sehr gepflegt wird. Der engagierte Antifaschist und Jurist Fritz Bauer galt zu Lebzeiten als Nestbeschmutzer, wurde ausgegrenzt und geschnitten. Er selbst sagte, wenn er sein Dienstzimmer verlasse, »betrete ich feindliches Ausland«. Dort, in dieser westdeutschen Gesellschaft, wucherte faschistische Ideologie in Gestalt der Eliten des Nazireichs fort, deren Karrieren in Politik, Justiz, Wirtschaft, Wissenschaft, Verwaltung usw. bruchlos weitergegangen waren. Deshalb informierte Bauer den israelischen Geheimdienst Mossad über den Aufenthaltsort von Adolf Eichmann. Das 1965 in der DDR erschienene (und auf der Buchmesse in Frankfurt am Main beschlagnahmte) »Braunbuch« listete schließlich 1.800 Nazi- und Kriegsverbrecher auf, die in der BRD und in Westberlin reüssierten.

Fritz Bauer war eine einzigartige Persönlichkeit, eine Ausnahmeerscheinung in der BRD-Justiz der 1950er und 1960er Jahre. Eine Würdigung seiner Leistungen schließt die Zurückweisung sowohl der Verunglimpfungen als auch Versuche von Vereinnahmung ein.

Historische Kontinuität

»Nichts gehört der Vergangenheit an. Alles ist Gegenwart und kann wieder Zukunft werden«, erklärte Fritz Bauer in einem Vortrag am 5. Februar 1964. Damit machte er auf die Latenz extrem rechter Ideologie in der bundesdeutschen Gesellschaft aufmerksam. Brecht sprach vom Schoß, der noch fruchtbar sei, aus dem das kroch. Doch als die Mordserie eines »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) endlich als faschistische Verbrechen charakterisiert wurden, fiel die deutsche Öffentlichkeit aus allen Wolken der Ahnungslosigkeit. Sie hätte es wissen können, wissen müssen. Ähnlich verhält es sich mit dem Antisemitismus. Mitte der 60er Jahre reagierte Bauer auf die Frage, ob er Jude sei, mit einer gleichermaßen sarkastischen wie erhellenden Ansage: »Im Sinne der Nürnberger Gesetze: ja.« Aufgrund des gesellschaftlichen Drucks, dem er ausgesetzt war, erwog er tatsächlich, neuerlich ins Exil zu gehen.

Kurzum: Bauer wußte um den kausalen Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus, ob man diesen nun so nannte oder beschönigend als »NS-Regime« oder »Nationalsozialismus« bezeichnete. Diesen Begriff hatten die Nazis selbst erfunden, um ihr Verbrechersystem demagogisch zu umhüllen. Denn sie waren weder national gesonnen (schließlich führten sie das deutsche Volk in die nationale Katastrophe) noch waren sie sozialistisch: Die kapitalistischen Grundlagen der Gesellschaft wurden von ihnen nicht angetastet, der deutsche Staat blieb imperialistisch. Das erklärt, warum heute hierzulande der Begriff »Faschismus« indiziert ist und ausschließlich von »Nationalsozialismus« gesprochen und geschrieben wird.

Frank Schumann, Berlin

Galt zu Lebzeiten vielen als Nestbeschmutzer: Fritz Bauer (r.) auf einer Pressekonferenz in Frankfurt/Main im Februar 1964 (Archiv-Foto: dpa)

Freitag 29. Juni 2018