Institutionen des bürgerlichen Staats laden ein:

Türen nur mit Personalausweis offen

Am 21. April, also dem kommenden Samstag, darf das Volk unabhängig von der Staatsbürgerschaft – sogar Touristen sind willkommen – in die Gebäude reinschauen, in denen die Institutionen des bürgerlichen Staates im kleinen Großherzogtum amtieren. Dies generell von 10 bis 18 Uhr, wobei aber das Terre-Rouge-Gebäude am hauptstädtischen Boulevard Roosevelt erst um 10.30 Uhr aufsperrt. Dort gibt es allerdings nicht nur ein interessantes Gebäude zu sehen, sondern obendrein die Orchester des städtischen Konservatoriums zu hören – um 12.15 Uhr tritt etwa das Guitarrenorchester auf, etwas ganz Besonderes, ist es doch höchst unüblich, mehr als 20 Guitarren gleichzeitig hören zu dürfen.

Mit Personalausweis und nach Sicherheitskontrolle (nicht nur Sprengstoff, sondern auch Messer und Waffen aller Art bitte zu Hause lassen) gibt’s Einlaß in folgende Gebäude in der Hauptstadt: über den Hintereingang in die Chamber am Krautmarkt, ins Staatsministerium und daneben ins Hôtel St. Augustin in der Rue de la Congrégation, ins Terre-Rouge-Gebäude, wo heute das Kulturministe­rium sitzt (4, bd. Roosevelt), ins Mansfeld-Gebäude, wo früher das Gericht war und nach dem Umbau heute das Außenministerium logiert (9, rue du Palais de Justice), ins Bezirksgericht am Heilig-Geist-Plateau, in den Staatsrat (5, rue Sigefroi am Fischmarkt), in den Rechnungshof (2, av. Monterey), in die Zentralbank (2, bd Royal), ins stadtluxemburger Rathaus am Knuedler und ins EU-Haus (früher Gilly, 7, rue du Marché-aux-Herbes).

In Esch/Alzette zeigt auf Belval-West (1, Porte de France) die Adem eine der größten ihrer 7 lokalen Niederlassungen. Dort ist es auch an dem Tag möglich, im Berufsinformationszentrum Tests zu machen, welcher Beruf am besten zu einem passen soll. Um 11 und um 15 Uhr werden die Sektoren vorgestellt, die am meisten einstellen, während um 14 Uhr der Einschreibparcours Vortragsthema ist.

Im Stadtluxemburger Bezirksbericht werden nicht nur die Säle von Richtern gezeigt, sondern auch simulierte Prozesse um 11 und um 15 Uhr abgeführt.

Die Festungsfreunde bieten zudem einen Rundgang mit vier Führern ab dem Lifthäuschen in den Grund an, wo von 14.30 Uhr an in 2,5-3 Stunden etliches gezeigt wird von der Festung, was man sonst nicht zu sehen kriegt – den Polizei-Schießstand einbegriffen.

Die EU fährt mit dem Thema Gesundheit auf, das extrem gut zur Verlängerung der Zulassung des Glyphosats paßt. Von 11-12.30 Uhr findet eine Konferenz zum Impfen statt mit der Gesundheitsministerin und dem Generaldirektor für Gesundheit – diese Generaldirektion der EU-Kommission hat ihren Sitz in Luxemburg. Um da reinzukommen reicht der Personalausweis nicht, denn obendrein wird eine vorherige Anmeldung verlangt wegen des tatsächlich reduzierten Fassungsvermögens des »Saals Bech«. Das entweder unter Tel. 4301 37 8 33 oder an comm-rep-lux@ec.europa.eu mit Mail. Ansonsten muß sich mit Informationsständen zum Thema begnügt werden, wobei da ganz sicher nicht informiert wird über Hintergründe der Beschlußfassung und welche Interessen wirklich im Vordergund bei der EU stehen. Wer danach fragt, wird sich höchst unbeliebt machen!

Aber auch die Chamber wird in dem »halben Dutzend knackige animierte Kurzfilme« vom Zentrum für politische Bildung, die jetzt einmal auf Luxemburgisch vorgeführt werden, nicht über die bereits anderweitig vorher im Interesse des Kapitals getroffenen Entscheidungen informieren, sondern das Propagandabild vom »Haus der Demokratie« malen. Wir stehen schließlich vor Wahlen, und es gilt dem Wahlvolk vorzutäuschen, es stehe im Mittelpunkt des Interesses statt der optimalen Verwertungsbedingungen des Kapitals. Auch das restliche »didaktische Material« des Zentrums wie des von der Chamber finanzierten Uni-Lehrstuhls wird diese Tendenz aufweisen.

Der Staatsrat, der auf mehr Zulauf hofft als 2016, wo nur 300 Leute den Weg auf den Fischmarkt fanden, hat ein Faltblatt mit 20 Antworten in Luxemburgisch oder Französisch auf einfache Fragen gedruckt und hofft, die Broschüren in Deutsch, Französisch und Englisch seien bis dahin auch gedruckt.

Die Luxemburger Zentralbank zeigt nicht nur kleine Filme und eine Ausstellung übers Geld im Lande seit Johann dem Blinden, sondern zeigt auch Geschäftssinn mit der Herausgabe von zwei Münzen, die mit richtigen Euros erworben werden dürfen, und zwar um mehr wie die Wertangabe auf der Münze lautet. Dies als praktische Illustration des Mottos: »Die Bank gewinnt immer!« Gestartet wird ebenfalls ein Wettbewerb unter dem Thema »20 Jahre Zentralbank«, der dann bis 21.5. auf www.bcl.lu fortgeführt wird, bevor die Gewinne verlost werden.

Der ganze Tag steht unter dem Motto, es gebe nichts zu fürchten und es sollten Berührungsängste abgebaut werden. Um das den in Unterzahl anwesenden Journalisten zu verklickern waren der Chamber-Präsident, der Premier, der Staatsrats-Präsident, die Bezirksgerichts-Präsidentin, die Bürgermeisterin, die Adem-Direktorin und Beamte, insgesamt 18 Damen und Herren an der Zahl, aufgeboten worden. Da wurde also richtig viel vom steuerzahlenden Volk bezahlte Arbeitszeit verbraten!

Die Architektur und die vielerorts zu sehenden Kunstwerke – speziell im Staatsrat und im Kulturministerium – sind aber sicher interessanter als die gezeigte Schein-Transparenz der Institutionen. Wer sich über die wirklichen Gesetzmäßigkeiten informieren will, nach denen Kapitalismus funktioniert, der ist beim »Kapital« des Karl Marx besser aufgehoben!

jmj

Montag 16. April 2018