Erinnerung an den Streik von 1942 gegen die Nazis

Mit Gedenkfeiern und Blumenniederlegungen wird in diesen Tagen an den Streik gegen die Nazis im Jahre 1942 erinnert.

Am 30. August 1942 verkündete der Chef der Zivilverwaltung, Gauleiter Simon, auf einer Massenkundgebung in den Hallen auf dem Limpertsberg die sogenannten »Wehrpflichtbestimmungen« für Luxemburg, die Zwangsrekrutierung aller jungen Männer der Jahrgänge 1920-1924. Wenige Stunden danach, am Montag, dem 31. August 1942, gegen 7.00 Uhr, traten in Wiltz zwischen 600 und 700 Arbeiter und eine Stunde später die Angestellten der großen Lederfabrik »Ideal« in den Streik.

Kurze Zeit später legten auch die Arbeiter der zwei Wiltzer Brauereien, die Angestellten der Gemeindeverwaltung, der Lebensmittelverwaltung, des Arbeitsamtes, der Krankenkasse und der Post die Arbeit nieder, die Lehrerinnen und Lehrer blieben mit den Schulkindern vor den Schulgebäuden stehen, viele Geschäfte blieben geschlossen, und es kam zu einem Protestmarsch durch Wiltz. Während der nachfolgenden Stunden wurden Arbeitsniederlegungen aus der Tuch- und der Tabakfabrik in Ettel-brück, aus Diekirch, Echternach und Mondorf gemeldet, und die Bauern in Kehlen weigerten sich, Milch abzuliefern.

Als am Nachmittag im Schifflinger Hüttenwerk ein Streikkomitee gebildet wurde, und nach dem Aufheulen der Werksirene um 18.02 Uhr 2000 Arbeiter das Hüttenwerk verließen, da wussten die Nazis, dass sie es nicht – wie zu Beginn angenommen – mit lokal begrenzten Protestaktionen zu tun hatten.

Gegen vier Uhr morgens erteilte das Reichssicherheitshauptamt aus Berlin den Befehl, den Ausnahmezustand zu verhängen und ein Standgericht einzusetzen. Die »Verordnung über die Verhängung des zivilen Ausnahmezustands« wurde auf den 31. August zurückdatiert und galt erst für den Bereich der Stadt Esch, wurde dann aber auf Dü-delingen und schluss-endlich auf das ganze Land ausgedehnt.

Am Morgen des 1. September 1942 griff der Streik auf weitere Betriebe und Ver- waltungen über, auf ARBED-Terres Rouges in Esch/Alzette legten 240 Beschäftigte die Arbeit nieder, 57 verließen das Hüttenwerk, auf Belval verweigerten 44 15- bis 18-jährige Lehrlinge der Zentralwerkstatt den Hitlergruß zum Frühsport, ebenso ihre Alterskollegen in den Escher Lyzeen, auf Grube »Walert« in Rümelingen nahm nur ein Drittel der Belegschaft die Arbeit auf, in Junglinster protestierten 50 Sägerei-Arbeiter gegen die Einführung der Wehrpflicht, und in der Zentralpost in der Hauptstadt blieben die Postsäcke ungeöffnet.

Am 2. September 1942, als der Terror der Nazis bereits voll eingesetzt hatte, die Streikaktionen in den meisten Betrieben infolge der brutalen Repression inzwischen beendet waren und die ersten blutroten Plakate allenthalben im Land verkündeten, das Standgericht habe den Leiter des Wirtschaftsamtes Wiltz, Michel Worré, und den Wiltzer Stadtsekretär Nikolas Muller »wegen Gefährdung des deutschen Aufbauwerkes in Luxemburg durch aufrührerischen Streik im Kriege« zum Tode verurteilt, erfasste der Streik das Blechwalzwerk und die Zentralwerkstatt des Differdinger Hüttenwerks.

Während des Streiks und der nachfolgenden Tage wurden 85 Männer vor das Standgericht, das nachts zusam-mentrat, geschleppt, 20 wurden zum Tode verurteilt und erschossen, unter ihnen der kommunistische Resistenzler Ernest Toussaint aus Differdingen.

Der in der Resistenzorganisation »Alweraje« tätige 48-jährige Arbeiter Hans Adam (ein gebürtiger Deutscher, der 1897 mit seinen Eltern nach Luxemburg gekommen war), der das Signal zum Streik auf dem Schifflinger Hüttenwerk gegeben hatte, wurde am 11. September 1942 in Köln-Klingelpütz mit dem Beil enthauptet.

Aber die Resistenz war nicht gebrochen, und während der nächsten Monate setzte eine breite Bewegung ein, um die jungen Luxemburger, die sich der Zwangsrekrutierung durch Flucht entzogen, vor den nazistischen Häschern zu verstecken oder ihre Flucht zu den Maquisaren nach Frankreich oder bewaffneten Resistenzgruppen nach Belgien zu organisieren.

Nik.

Dienstag 1. September 2009