Viel Symbolik an »Gandhi Jayanti«

Vermächtnis des Vaters der indischen Nation in wesentlichen Teilen unerfüllt

Mit der traditionellen Ehrung Mahatma Gan­dhis an dessen Gedenkstätte im Rajghat von Neu-Delhi beging Indien am gestrigen Freitag den 140. Geburtstag des »Vaters der Nation«, der in einem selbstlosen, gewaltfreien Kampf das unterdrückte Volk im August 1947 in die Freiheit vom britischen Kolonialjoch geführt hatte. Premierminister Manmohan Singh und Vizepräsident Hamid Ansari streuten am Freitagmorgen, wie es seit Gandhis Ermordung am 30. Januar 1948 üblich ist, Rosenblüten auf das Urnengrab.

Das Geburtsjubiläum »Gandhi Jayanti« ist ein offizieller Feiertag in Indien, an dem es nicht an symbolischen Handlungen mangelt. Präsidentin Pratibha Patel setzte sich im Sabarmati-Museum von Ahmedabad ans Gandhische Spinnrad. Vielerorts wurden Sozialprojekte gestartet, wie beispielsweise in Rajas­than zur finanziellen Unterstützung von Frauenselbsthilfegruppen. Delhis Chefministerin Sheila Dikshit setzte ein Wohlfahrtsprogramm für Senioren in Kraft. In Kolkata erhielt der über 100 Jahre alte Straßenbahn-Veteran endlich neue Triebwagen. Sonia Gandhi, die Präsidentin der regierenden Kongreßpartei, äußerte sich im rajasthanischen Nagaur anläßlich des 50. Jahrestages der Panchayati Raj (dörfliche Selbstverwaltung) lobend zu Gan­dhis Bemühen um Entwicklung der ländlichen Gebiete.

Das in den Gemeinden laufende Beschäftigungsprogramm für arme Arbeitslose erhielt offiziell die zusätzliche Bezeichnung »Mahatma«. Die privaten FM-Radiosender riefen die Bürger auf, den freien Tag zum Besuch des jüngsten Bollywood-Tralala-Films zu nutzen. Das Ministerium für Wohnungsbau und urbane Armutsbekämpfung schaltete in der Presse eine halbseitige Anzeige mit Gandhis Porträt und dem Versprechen der Regierung, in allen Slums für Wasser, Abwassersysteme, Toiletten, Strom, Gesundheit, erschwingliches Obdach und soziale Sicherheit zu sorgen.

Der Gouverneur von Westbengalen, Gopalkrishna Gandhi, ein Enkel des Mahatma, veröffentlichte in der Zeitung »The Hindu« ein Essay über die Schreibkunst seines Großvaters. Das Ministerium für Gesundheit und Familienwohlfahrt warb mit dem Slogan »Eine gesunde Familie, ein gesundes Dorf, eine gesunde Nation« für seine nationale ländliche Gesundheitsmission und bediente sich zudem des Gandhischen Spruches »Gesundheit ist der wirkliche Reichtum, nicht Gold- und Silberstücke«.

Alle Symbolik kann freilich nicht darüber hinwegtäuschen, daß aus dem Vermächtnis des »Vaters der Nation« auch nach mehr als 60 Jahren nationaler Unabhängigkeit zumindest zwei grundlegende Aufgaben nicht bewältig sind: den Armen und Entrechteten zu einem menschenwürdigen Leben zu verhelfen sowie die Gewalt aus dem multikulturellen, multireligiösen Vielvölkerstaat zu verbannen. Gewalt und Diskriminierung zwischen Kasten, ethnischen und Religionsgruppen ist in Indien an der Tagesordnung. Die Gesellschaft wird infolge der immer ausgeprägter werdenden kapitalistischen Verhältnisse tiefer und tiefer in Reiche und Habenichtse gespalten.

Im Jahre 2007 ist der 2. Oktober von der UNO zum Internationalen Tag der Gewaltlosigkeit deklariert worden, weil Gandhi mit dieser Strategie nicht nur die Briten besiegte, sondern auch andere Völker im Kampf gegen den Kolonialismus ermunterte und Persönlichkeiten wie Martin Luther King und Nelson Mandela für ihren Widerstand gegen Rassendiskriminierung und in ihrem Eintreten für Gerechtigkeit inspirierte. Doch auch hier gilt, so mahnen Stimmen im indischen Blätterwald: Ein Gedenktag allein ändert die Welt nicht – wie beispielsweise die Kriege in Afghanistan und Irak, die Konflikte im Nahen Osten, in Honduras, in Pakistan, in Kaschmir und im indischen Nordosten belegen. Barack Obamas Bekenntnis zu Ma­hatma Gandhi muß in Taten umschlagen. »Wir müssen der Wandel sein, den wir zu sehen wünschen«, lautete eine seiner Maxime.

Hilmar König, Neu-Delhi

Samstag 3. Oktober 2009