Im Land der roten Nelke

Kommunisten im Alentejo erinnern an den Kampf gegen den Faschismus und arbeiten für ein besseres Portugal

Das Alentejo zeigt sich in diesem Spätsommer nicht von seiner besten Seite. Das machen nicht nur die Regenwolken, die in unregelmäßigen Abständen über das Land ziehen, das einst die Kornkammer Portugals war. Auch die Landschaft hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Wo früher schier endlose Weizenfelder dominierten, zumeist bewirtschaftet von landwirtschaftlichen Kooperativen, die nach der Nelkenrevolution vom 25. April 1974 entstanden, stehen heute ausgedehnte Anlagen mit Olivenbäumen, zuweilen unterbrochen von einigen Korkeichen, von Weinreben oder Plantagen mit Obstbäumen. Das Land, so erkennt man auf den zweiten Blick, gehört nicht mehr den Bauern und Landarbeitern, die in jenem April mit Unterstützung der Kommunistischen Partei und der Bewegung der Streitkräfte die Großagrarier enteignet und sich zu Genossenschaften zusammengeschlossen hatten, um endlich sich selbst und ihre Familien von ihrer Hände Arbeit ernähren zu können.

Viel hat sich geändert seitdem. Die Kooperativen wurden zum größten Teil in den Ruin getrieben, vor allem aus politischen, aber auch aus wirtschaftlichen Gründen. Die sich abwechselnden »sozialistischen« und großbürgerlichen Regierungen wollten keine Keime eines wirklichen Sozialismus in der Landwirtschaft dulden, und die bestimmenden Kräfte in der Europäischen Union hatten ihre eigenen Vorstellungen über die Erzeugung landwirtschaftlicher Produkte. Darin hatten viele der traditionellen Agrarerzeugnisse Portugals keinen Platz, und erst recht nicht solche, die von Genossenschaften kamen. Inzwischen gehört das Land weiträumig wieder reichen Privatleuten, die oft auch ihren Sitz irgendwo im Ausland haben.

Das Alentejo ist jetzt das größte Oliven-Ananbaugebiet Europas. Die Umstellung hat allerdings nicht mehr Arbeitsplätze gebracht und die Preise für das Olivenöl sind für die Portugiesen nicht günstiger geworden, da es zum großen Teil im Ausland verarbeitet und dann von Portugal zurückgekauft wird. Zusätzlich muß Portugal nun auch noch Getreide aus dem Ausland kaufen.

Der Ort Baleizão, nur zwölf Kilometer von der Stadt Beja entfernt, macht auf den ersten Blick einen verschlafenen Eindruck. Der ändert sich schnell, als wir im Gemeindehaus mit Bürgermeister Silvestre Troncão zusammentreffen. Der 43-jährige Kommunist berichtet mit Leidenschaft, was der Gemeinderat, der mit einer vierjährigen Unterbrechung seit 1974 von den Genossen der Kommunistischen Partei geführt wird, für die Menschen des Dorfes erreicht hat. Stolz verweist er auf die sozialen Einrichtungen, die Betreuung der Kinder, das Haus des Volkes und auf den Park im Zentrum des Dorfes, der den Namen »Alvaro Cunhal« trägt. Der Park mit Sportanlagen, Grünflächen und einem Kinderspielplatz wurde in den vergangenen Jahren Stück für Stück eingerichtet und im Jahr 2013 zu Ehren des 100. Geburtstages von Alvaro Cunhal eingeweiht, des bekanntesten Widerstandskämpfers gegen die faschistische Diktatur, Führer der Kommunistischen Partei in den Tagen der Aprilrevolution und in den Jahren danach.

Der Tag der Einweihung des Parks war jedoch nicht der Geburtstag des Generalsekretärs der PCP, sondern der 19. Mai – ein Tag, der für die Menschen in Baleizão und in ganz Portugal ein besonderer Gedenktag ist. Am 19. Mai 1954 wurde unweit des Dorfes die Kommunistin und Landarbeiterin Catarina Eufémia aus Baleizão durch die Kugeln eines faschistischen Offiziers ermordet. Die Landarbeiter des Dorfes und der Umgebung wehrten sich in jenen Tagen gegen die schlechte Bezahlung ihrer Arbeit und streikten für eine kleine Verbesserung ihrer kläglichen Löhne. Daraufhin ließ der Grundherr unter dem Schutz der Polizei des Regimes Landarbeiter aus anderen Gegenden des Alentejo herankarren. Etwa 1.500 Leute aus Baleizão gingen auf das Feld, um die Fremden über die Situation aufzuklären. Die Folge war, daß auch die als Streikbrecher Vorgesehenen die Arbeit gar nicht erst aufnahmen.
Der Grundbesitzer, ein Herr Dr. Fernando Nunes, rief daraufhin die faschistische Nationalgarde (GNR) zu Hilfe, die mit vorgehaltenen Karabinern die fremden Landarbeiter zur Arbeit zwingen sollte. Kurzerhand gingen die Menschen von Baleizão wieder auf das Feld, wurden jedoch von den Schergen des Regimes zurückgedrängt. Schließlich konnten sie durchsetzen, daß eine Gruppe von 15 Frauen des Dorfes, angeführt von Catarina Eufémia, von der einige wußten, daß sie Mitglied des Ortskomitees der illegalen Kommunistischen Partei war, auf die Felder gehen durfte, um mit den Streikbrechern zu reden.
Die schwangere 26-jährige Catarina, ihr acht Monate altes Baby auf dem Arm, ging unerschrocken an der Spitze der Frauen auf die Bewaffneten zu. In seinem Buch »Portugal im April« schildert der Journalist Klaus Steiniger den Verlauf: »Bei den Auswärtigen stand Nunes, der Grundbesitzer. Als sich die Unterhändler aus Baleizão bis auf wenige Schritte genähert hatten, sprang GNR-Leutnant Carrajola plötzlich hinter einem Haufen zum Trocknen aufgeschütteter Saubohnen hervor und richtete seine Maschinenpistole auf die Frauen. Diese hoben erschrocken die Arme, hielten aber nicht ein. Carrajola ging direkt auf Catarina zu. ‚Was willst du, Miststück?’, schrie er. Die junge Landarbeiterin erwiderte beherrscht: ‚Laß uns in Ruhe, wir wollen nicht mehr als Brot und Frieden.’ Carrajola riß den Säugling zur Seite und legte aus Meterdistanz auf die Streikführerin an. Drei Schüsse durchbohrten Catarina.«

Die tote Kommunistin durfte auf Geheiß der Behörden nicht in ihrem Heimatdorf beerdigt werden, ihre Leiche wurde auf einem Friedhof eines anderen Dorfes verscharrt. »Über ihren Tod hinaus schien die gefallene Kämpferin ihren Feinden Furcht einzuflößen«, schreibt Klaus Steiniger. Seit jenem Jahr bringen nicht nur die Leute aus Baleizão an dem Tag, an dem sich die Ermordung der Catarina Eufémia jährt, Blumen zu der Stelle, wo sie im Auftrag des Gutsherrn erschossen wurde.
Nach der Aprilrevolution errichteten die Kommunisten des Dorfes an dieser Stelle ein würdiges Mahnmal. Hammer und Sichel, fest in der Erde verankert, verkünden vom Mut einer jungen Kommuni­stin, von der Alvaro Cunhal bei einer Kundgebung zu ihrem Gedenken im Mai 1974 sagte, sie sei gestorben wie es einer Kommunistin würdig ist, in der vordersten Reihe des Kampfes für die Rechte der Arbeiter.
Das schlichte Mahnmal, das ganz sicher zu den eindrucksvollsten Denkmälern des Widerstandes gegen den Faschismus gehört, ist heute umgeben von Olivenplantagen. Von dort kann man auf das Dorf Baleizão blicken, das sich in diesen Tagen auf die Parlamentswahl vorbereitet. Wie in allen Dörfern und Städten, die wir zwischen Porto im Norden und der südlichen Algarve besuchten, dominieren auch in Baleizão die Plakate und Transparente des Bündnisses Coligação Democràtica Unitària, zu dem sich die Kommunistischen Partei Portugals und die Partei der Grünen zusammengeschlossen haben. Bürgermeister Silvestre Troncão ist zuversichtlich, daß seine Partei, sein Bündnis, auch bei dieser Wahl ein gutes Ergebnis erreichen wird, ebenso wie bei den Kommunalwahlen in zwei Jahren. Auf der Kandidatenli­ste, die im Dorf aushängt, steht auch Maria Catarina Carmo, Tochter von Catarina Eufémia.

Sie haben noch viel vor, die Kommunisten von Baleizão, sagt Silvestre Troncão Er führt uns zu einer großzügig angelegten Tageseinrichtung für die Alten, die in den näch­sten Jahren, sobald wieder etwas Geld vorhanden ist, noch beträchtlich erweitert werden soll, und er zeigt uns die zentrale Dorfstraße, die gerade neu befestigt und gestaltet wurde.
Wir verabschieden uns von Bürgermeister Troncão und von Baleizão an einem großen Wandgemälde mit dem Bild der Catarina Eufémia mit der roten Nelke, die in den Tagen des Aufstands der Militärs von 1974 zum Symbol der Aprilrevolution geworden war. Hier in diesem Dorf im Alentejo, aber auch in ganz Portugal lebt die rote Nelke nicht nur als Symbol einer Revolution von vor 41 Jahren, sondern als Zeichen der Zuversicht und der Kampfentschlossenheit.

Am Ausgang des Dorfes halten wir an einer Gedenktafel. »Zur Erinnerung an Catarina Eufémia und an alle Männer und Frauen, die gegen Kapitalismus und Faschismus gekämpft haben«, steht darauf geschrieben.

Uli Brockmeyer

Freitag 2. Oktober 2015