»Hariko« festlich eröffnet, »Zeltstadt« geschlossen

Das ehemalige Gebäude der Sogel, das seit Juli 2009 leersteht, weil es blockiert ist durch das größenwahnsinnige Projekte einer grünen Überdachung des Bahnhofs, wurde von der Eigentümerin dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt für ein artistisches Projekt für junge Leute in wenig beneidenswerten Situationen (Flüchtlinge, junge Obdachlose oder Jugendliche in prekärer Situation, minderjährige Mütter usw.). Sie sollen ihrer Kreativität in artistischen Ateliers freien Lauf lassen können. Gehofft wird, daß das auch »normale« Jugendliche anzieht, die an Kunst und künstlerischem Ausdruck in all seinen Formen interessiert sind.

Verantwortlich für das Projekt ist Marianne Donven, die denn auch als dritte nach dem beigeordneten Rot-Kreuz-Generaldirektor Marc Crochet und Bürgermeisterin Lydie Polfer am Freitag bei der Eröffnung reden durfte.

Wir wünschen alles Gute fürs Projekt, fragen uns aber, ob sich die Jugendlichen was abfrieren werden oder die Heizkosten das Rote Kreuz ruinieren hinter der Einfachverglasung, die zwischen einzelnen Scheiben nicht einmal richtig verkittet ist.

Worüber nicht geredet wurde ist, warum die 16 Leute am oberen Parkplatz dringend mit ihren Zelten, einem Gartenhäuschen und einem Wohnwagen verschwinden mußten, sowie warum das Rote Kreuz zuerst alles mögliche versprochen und dann doch wieder zurückgenommen hat.

Die schwerreiche alte Dame – die bereits angesprochene Eigentümerin – braucht zwar kein Geld, sorgt sich aber anscheinend um ihr Seelenheil, weil da in der Bibel steht, eher gehe ein Kamel durch ein Nadelöhr als daß ein Reicher ins Himmelreich eingehe. Aber die Mildtätigkeit gegenüber dem Roten Kreuz reicht nicht für Nächstenliebe gegenüber wirklich armen Obdachlosen: die Dame soll dem Roten Kreuz gedroht haben, wenn sie diese nicht zum Verschwinden bringe, schenke sie alles dem Bonneweger Pfarrer. Und dann wäre das schöne artistische Projekt Geschichte, bevor es richtig begonnen hat.

Das machte dem Roten Kreuz Beine. Lügen aber haben kurze Beine – auch das steht in besagter Bibel –, und so ist mittlerweile auch klar, daß die 16 der »Zeltstadt« nicht wie versprochen kostenfrei ins neue Foyer Lily Unden kommen, sondern ins alte, zum Abriß bestimmte Foyer Don Bosco, und das für vier bis fünf Monate, also über den Winter. Und danach?

Inzwischen wurde den Betroffenen mitgeteilt, sie dürften sich nicht im Don Bosco anmelden: das ist für die eine große Enttäuschung, hatten sie doch nicht nur mit einem Dach, sondern auch mit einer Meldeadresse und damit mit dem RMG gerechnet.

Abschminken können sie sich inzwischen jedenfalls das in Redingen in Aussicht gestellte ehemalige Hotel, von dem ihnen gesagt worden war, es werde eigens für sie renoviert, und sie könnten dann dort zusammenbleiben, nachdem sie sich ja jetzt zusammengefunden haben.

Was sie sich sonst noch alles abschminken können, wird sich zeigen, wenn sie am Montag im Don Bosco den Unterbringungsvertrag vom Roten Kreuz vorgelegt bekommen. Das sollte sich an mehr als ein Versprechen erinnern, denn es wird alles an den Tag kommen.

jmj

Freitag 23. Oktober 2015