Virwëtzeg (31)

Annas komplexe Strukturen

Nur wenige Künstler beschäftigen sich im Allgemeinen mit wissenschaftlichen Grundlagen und beschränken sich eher auf die benötigte Technik, um einem Kunstwerk seine notwendige Ausstrahlung zu geben: Farbenlehre, Geometrie, Komposition, Perspektive, um nur einige zu erwähnen. Die Künstlerin Anna Recker bildet eine interessante Ausnahme und stellt ihre rezentesten Werke noch bis zum kommenden 29. November in der hauptstädtischen Kunst-»galerie simoncini« aus.

Seit Jahren beschäftigt sich die Kunstschaffende mit mathematischen Gebilden und geometrischen Formen. Dabei haben es der Künstlerin besonders die Dreiecke und Hexagone, also die Sechsecke angetan. Das Sechseck als Zellstruktur sowie als zweidimensionales Puzzlespiel oder dreidimensionales Faltobjekt, Origamis sozusagen.

Durch geometrische Choreographien und Kompositionen entstehen aus einer einfachen Form urplötzlich eine komplexe Struktur und daraus wiederum komplexe Systeme. Netze und Muster gehen über in Darstellungen von Koordinatensystemen oder geometrischen Wasserfällen. Die Endlosschleifen, in der Mathematik unter dem Begriff »Möbius Band« bekannt und in der Topologie ein Begriff, erscheinen in den Arbeiten der Künstlerin unter einem neuen Aspekt. Diese beobachtet die Natur genau und erkennt deren vielfältigen mathematischen wie harmonischen Strukturen. Die uralte Idee, daß die Welt der Natur mathematisch ist, geht übrigens auf die griechischen Philosophen Plato und Pythagoras von Samos zurück. Letzterem haben wir nicht nur die berühmte fundamentale Dreiecksgleichung zu verdanken, sondern auch seine überlieferte Aussage: »Die Zahl ist das Wesen aller Dinge.«

Anna Reckers harmonisches rhythmisches Spiel mit den einfachsten Strukturen wird zu einem Spiel mit Elektronen, Quarks und mathematischen Gleichungen. Die spannenden Gegensätze von einerseits Geometrie, Mathematik und Rationalität und andererseits künstlerischer Phantasie, Intuition und Emotion werden in den Arbeiten fühlbar und sichtbar verbunden. Bei aller Komplexität des Themas lohnt es sich ein paar Momente in der Ausstellung zu verweilen, um einen etwas differenzierten Blick auf die Welt der Dinge zu erhalten.

Oder wie es die Kunstschaffende selbst formuliert: »Ein Rückblick lohnt sich, ein Rückblick aus unserer schnelllebigen Zeit des Geldflusses, der grenzenlosen, technologischen Überschwemmungen, globalisiert, digitalisiert. Das lineare Denken ist einer globalen exponentiellen Entwicklung gewichen. Von reißenden Wasserfällen der heutigen Zeit schauen wir zurück auf das rhythmische Fließen vergangener Zeiten.«

Pierre Buchholz

Freitag 13. November 2015