Aus den Betrieben:

Nicht alles widerstandslos akzeptieren!

Ihr schreibt immer wieder von Arbeitsbedingungen, die sich massiv verschlechtert haben sollen, ohne dies allerdings immer mit konkreten Beispielen zu belegen, warf uns dieser Tage ein Leser unserer Zeitung vor. Auch ihn störe so manches an der seit Jahren zunehmenden Rücksichtslosigkeit des Patronats, doch würde ständiges Nörgeln und Kritisieren nichts an der Situation ändern. Man lebe nun mal in einer Zeit, in der nichts mehr sei wie früher. Dies betreffe notgedrungen auch die Situation in den Betrieben Persönlich sei er jedenfalls der Meinung, dass es heutzutage besser sei, schlechte Arbeitsbedingungen oder niedrige Löhne in Kauf zu nehmen statt arbeitslos zu sein.

Eine Einstellung, der wir so nicht zustimmen können. Würden wir dies tun, dann müssten wir ja beispielsweise auch Verständnis dafür aufbringen, wenn Arbeitsuchender – nur um den Job zu kriegen – beim Vorstellungsgespräch mit einem niedrigeren Lohn einverstanden wären als die, die im Kollektivvertrag vorgesehen sind, dass sie nichts unternehmen würden, wenn ihnen Zuschüsse vorenthalten würden und ihre Entlohnung sogar niedriger sei als der per Gesetz vorgeschriebene Mindestlohn. Praktiken, die heutzutage leider keine Seltenheit sind, allerdings mit aller Schärfe zu verurteilen sind. Wenn wir über Arbeitsbedingungen schreiben, die sich in den letzten Jahren wesentlich verschlechtert haben, so beziehen wir die Informationen in der Regel immer direkt aus den Betrieben. So wie vorige Woche, als wir von mehreren Beschäftigten einer Baufirma davon Kenntnis gesetzt wurden, dass eine größere Baustelle nach wie vor nicht den Sicherheitsvorkehrungen entsprechend abgesichert sei, obwohl die Belegschaft schon vor einigen Monaten in dieser Hinsicht bei ihrem direkten Vorgesetzten vorgesprochen hatten.

Immer unzufriedener sind auch die Beschäftigten einer Auslieferfirma. Sie kritisieren, dass seit Jahren kein Personal mehr eingestellt wurde, obwohl mehrere Mitarbeiter den Betrieb verließen – Ruhestand, usw. Auf die Restbelegschaft aufgeteilte Mehrarbeit, unregelmäßigere und längere Schichten sowie das immer häufigere Streichen von Ruhepausen und Urlaubstagen sind die Folge. Kein Wunder, dass unter solchen Umständen der Unmut wächst.

Verständlich auch der Ärger einer jungen Frau, als sie kürzlich erfuhr, dass sie, obwohl sie als Haushaltsgehilfin schon fast ein Jahr lang regelmäßig zur Arbeit erschien, nicht krankenversichert ist. Mitgeteilt wurde ihr dies, als ihr ein an die CNS eingereichtes Arzthonorar nicht zurückerstattet werden konnte. Wieso? Nun, weil sie nicht bei der Sozialversicherung angemeldet war, obwohl ihr die Beiträge für Krankenversicherung, Pensionskasse und Pflegeversicherung seit ihrer Einstellung jeden Monat verrechnet wurden. Nicht das geringste Verständnis hatte sie für die Bemerkung des Angestellten der CNS, dass auch sie nicht ganz unschuldig an der Situation sei – schließlich trage sie die Verantwortung dafür, zu kontrollieren, ob sie bei der Sozialversicherung angemeldet sei oder nicht.

Auch das nächste Beispiel, das die Arbeitszeiten einer allein erziehenden Verkäuferin in einem Supermarkt betrifft, reiht sich in die Kategorie der schlechter gewordenen Arbeitsbedingungen ein. Wenn sie früher Beruf und Familienleben noch einigermaßen in Einklang bringen konnte, so ist dies seit geraumer Zeit nicht mehr möglich. Dies nicht nur weil sie immer unregelmäßiger und länger arbeiten muss, sondern weil sie auch an den Wochenenden, wenn die Kindertagesstätten geschlossen sind, immer häufiger anzutreten hat.

Abschließend ein letztes Beispiel, über das wir vor Tagen in Kenntnis gesetzt wurden. Es betrifft einen jungen Handwerker, der darüber informiert wurde, dass ihm der Januarlohn nicht wie üblich am 5. des kommenden Monats ausbezahlt werden könne, da sich der Betrieb in finanziellen Schwierigkeiten befinde. Eine Anzahlung des ausstehenden Geldes sei frühestens am 15. Februar zu erwarten, der Rest könne ihm leider erst gegen Monatsende ausbezahlt werden. Verhungern werde ich nicht, wären da nicht meine Bankverpflichtungen, meinte er ziemlich verängstigt.

Die Probleme in so manchen Betrieben sind demnach um ein Vielfaches größer, als von vielen vermutet. Falsch wäre, sie widerstandslos hinzunehmen. Denn »wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt«.

g.s.

Gilbert Simonelli : Freitag 29. Januar 2016