Die zwei größten Barock-Maler:

Rubens (1577-1640) versus Rembrandt (1606-1669)

Rubens war Katholik, Rembrandt Protestant. Diese beiden Gegensätze bilden den Rahmen für einen Teil der Kunst dieser beiden seltenen Genies.

Im Jahre 1517 hatte der Mönch Martin Luther seine 95 Thesen in Wittenberg veröffentlicht. Bald darauf folgte die katholische Gegen-Reformation (Konzil von Trient, 1543-1563). Davon wurde auch die Kunst beeinflusst, die den nun tief geschwächten Katholizismus verherrlichen sollte. Die religiöse Spaltung war so groß, dass sie Religionskriege erzeugte, – bis zum schrecklichen Dreißigjährigen Krieg (1618-1648).

Die Niederlande, die damals mit dem heutigen Belgien ein Land unter spanischer Herrschaft bildeten, wurden protestantisch. Im Jahr 1566 war dort ein Bildersturm ausgebrochen, mit dem sich die Protestanten auf Luther beriefen, der sich gegen jede Form der Heiligenverehrung und der Verehrung Marias gewandt hatte (Bildersturm in Wittenberg, 1522).

Damit begann der Aufstand gegen das katholische Spanien, vor allem des Grafen Egmont(1). Der spanische König Philipp II. versuchte, den Aufstand mit Hilfe des spanischen Statthalters, des Herzogs von Alba, zu unterdrücken. Auf dessen Befehl wurde Egmont enthauptet. Diese und viele andere Grausamkeiten waren Öl aufs Feuer der Revolte. Schließlich, 1581, musste Spanien die Niederlande in die Unabhängigkeit entlassen. Der katholische Süden blieb spanisch und das Genie von Rubens kam wie gerufen zur Ausfüllung des vom Triester Konzil gesteckten Rahmens für religiöse Kunst.

Bei Rembrandt und den anderen niederländischen Malern gab es im Gegenzug nur sehr wenig religiöse Kunst. Von Rembrandt kennt man die »Auferweckung des Lazarus« (1622), und auch sonst fast nur Bilder, die direkt Jesus betreffen: die »Kreuzabnahme« von 1634 (München, Alte Pinakothek, 89,4x65,2 cm), das »Hundert-Gulden-Blatt« (»Jesus Kranke heilend«, Radierung, 1649), oder die herrliche »Darbietung im Tempel« (1631), wo Rembrandt die Personen klein hält und damit eine bei ihm sonst nicht vorkommende monumentale Wirkung erzielt.

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Am besten sieht man den Unterschied zu Rubens’ Kunst, wenn man Rembrandts »Kreuzabnahme« vergleicht mit der grandiosen »Kreuzabnahme« von Rubens (1611-1614, Antwerpen, Kathedrale, 4,20 x 3,20 Meter). Auf jeden Fall wirkt bei Rembrandt der in sich zusammengesackte Jesus realistischer als der athletische Adonis von Rubens, – welcher der Vorstellung des Mensch gewordenen Gottes entsprechen sollte. (Ähnlich auf Rubens’ »Kreuzaufrichtung«, 1617, oder auf dem »Lanzenstich«, 1620).

Bei Rembrandt spielt das Porträt eine große Rolle. Es entwickelte sich mit seinem Stil: zuerst sehr realistisch und dem Wunsch der Auftraggeber entsprechend, wurden sie von den 50er Jahren an – auch mit seiner Hell-Dunkel-Technik – immer origineller, in dem Sinn, dass er die Porträtierten aus dem Dunkel der Natur ins Licht treten lässt, wie mit der Bürde der Menschwerdung belastet: Die »Dienstmagd mit dem Besen« (1651, Eremitage, St. Petersburg), Rembrandt selbst als Apostel Paulus, den Beschauer traurig-skeptisch anblickend (1661, Privatbesitz), Homer, der große Dichter, wie ein kranker Greis aus der Nacht auftauchend (1663, Den Haag, Mauritshuis).

Da in den Niederlanden nun Kaufleute die Auftraggeber waren (nicht mehr die Kirche), entstanden Bildthemen, die es vorher nur selten gab. Es gab Maler, die auf stille, häusliche Szenen spezialisiert waren wie Vermeer van Delft (1632-1675) – nach Rembrandt der bedeutendste niederländische Maler – so »Herr und Dame beim Wein« (um 1658) – alles auf dem Gemälde ziseliert wie ein einziges großes Juwel, »Die Spitzenklöpplerin«, »Dienstmagd mit Milchkrug«; darunter eines der schönsten weiblichen Bildnisse: »Das Mädchen mit der Perle« (um 1665, Den Haag, Mauritshuis). Stilleben: Pieter Claesz, William Claeszoon Heda, Willem Kalf (die auch zu »Vanitas«-Stilleben werden konnten). Tiermaler wie Paulus Potter, Blumenmaler: Jan Van Huysum und viele Landschaftsmaler: Rembrandt selbst, Salomon van Ruysdael, Meindert Hobbema, Jan Van Goyen (bei dem der Himmel oft den größten teil des Bildes einnimmt).

In Flandern kamen nur noch Anthonis Van Dyck und Jacob Jordaens in etwa gegen Rubens an. Aber auch hier waren alltägliche Szenen gefragt. Auch hier hatte die Mittelschicht an Bedeutung gewonnen, für welche der Wert eines Kunstwerks nicht an der Wichtigkeit der Themen gemessen wurde. Wie zur selben Zeit der französische Hofmaler Lebrun es forderte: Künstlerisch am höch­sten stand für ihn die Historienmalerei (wozu auch biblische und mythologische Szenen gehörten); gefolgt vom Porträt, der Tiermalerei, und zum Schluß die »unbelebte« Landschaft und das Stilleben. (Wogegen sich schon vorher Caravaggio gewandt hatte, dessen »Korb mit Früchten« (1598) für ihn so schwierig zu malen war wie etwa seine sehr belebte »Berufung des hl. Matthäus«, 1600).

Rubens war ein »Alleskönner«. Seine Malerwerkstatt hatte schon moderne Züge. Etwa 3.000 Gemälde kamen dort zustande, davon 600 überwiegend von eigener Hand. Nebenher war er Diplomat und kam als solcher nach Spanien, wo er Velazquez kennen lernte und die spanische Kunst beeinflusste.

Das gleiche Gewicht wie die Religion hatte bei ihm die antike Mythologie: »Der trunkene Silen« (Bacchus’ Begleiter), »Bacchanalen«, »Satyre«, »Die Amazonenschlacht«, usw. usf. Daneben eine virtuose »Nilpferdjagd«, »Löwenjagd«, »Wildschweinjagd«. Viele Porträts – darunter zwei der schönsten Kinderbildnisse: Seine kleine Tochter Serena und sein kleiner Albert.

Und am Ende herrliche Landschaften: die Ruhe nach dem Sturm eines ausgefüllten Lebens. Schon früh hatte Rubens einen direkten Bezug zur Philosophie des Stoizismus. Auf dem Gemälde »Die vier Philosophen« (1616) sieht man ihn u.a. mit dem Haupt der flämischen Verehrer Senecas (mit dessen berühmter Büste an der Wand). Eine Philosophie der Distanz zur Welt, die gerade in den religiösen Wirren der Zeit eine Art Alternative bot (wie zur gleichen Zeit für Nicolas Poussin).

So ließ Rubens über das Tor seiner Wohnung in Antwerpen Juvenals Vers schreiben »Wir wollen flehen, dass in unserem gesunden Körper der Geist gesund bleibe; dass er kräftig genug sei, um den Tod nicht zu fürchten und durch keinen Zorn und keine Begierde sich verzehren lasse.« Diese stoischen Worte irrte bilden auch eine Alternative zu Rubens’ Werk, wo die Formen sich in einem stürmischen Rhythmus entfalten und ineinander greifen: das Gegenteil einer statischen Kunst wie der Raffaels.

Was Rembrandts späten pastosen Stil mit voneinander abgesetzten Pinselstrichen betrifft, so könnte man sagen, dass er damit um 200 Jahre über Rubens hinausweist. Aber mit diesem Stil hatte er kein Glück bei seinen Auftraggebern, und er starb arm und verlassen. Erst der Romantiker Delacroix (1798-1863) entdeckte Rembrandt neu. Er sagte, die Zeit werde kommen mit der Einsicht, dass Rembrandt ein größerer Maler sei als Raffael(2). – Heute stehen Rembrandt und Rubens für uns nebeneinander da, als größte Vertreter zweier völlig entgegengesetzter Malweisen, die jede für sich einzigartig bleibt.

Joseph Welter

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1) »Egmont«, Tragödie von Goethe, Ouvertüre von Beethoven.

2) Van Gogh sprach von Rembrandts »Mystischem« Stil.

Mittwoch 18. Januar 2017