Krankgeschriebene Mitarbeiter sind kein Freiwild

Krankgeschriebene sind dem Patronat seit vielen Jahren schon ein Dorn im Auge. Sie riskieren unangenehm aufzufallen, abgestempelt zu werden, ja sogar ihren Arbeitsplatz zu verlieren.

Wenn dem auch zuzustimmen ist, dass ein Missbrauch von Krankenscheinen nicht geduldet werden darf. so muss in diesem Zusammenhang jedoch die Frage erlaubt sein, wem in solchen Fällen das Recht zusteht zu befinden, ob die betroffene Person krank ist, oder nicht.

So oder so ist es inakzeptabel, die Ursachen des angeblich zu hohen Krankenstands – immerhin der niedrigste in der Großregion – allein bei den Schaffenden oder bei einigen wenigen Ärzten, die angeblich zu schnell krank schreiben, zu suchen.

Wenn das Patronat schon eine Diskussion zum Thema Krankschreiben fordert, dann sollten alle Fakten berücksichtigt werden. Auf den Tisch gehört deshalb eine Analyse, wie es um die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz steht, inwiefern Krankheiten durch schlechte Arbeitsbedingungen verursacht werden können. Hierzu gehören auch der zunehmende Druck, Stress und. Hetze. Bei Missständen muss der Unternehmer angehalten werden, Risikofaktoren zu beseitigen, bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen, in die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz zu investieren.

Auch muss zwischen manuellen und intellektuellen Berufen unterschieden werden. Zwischen Berufen also, die einen schweren körperlichen Einsatz erfordern, und Arbeiten, die eigentlich keinen großen physischen Risiken ausgesetzt sind. So riskieren beispielsweise Bauarbeiter, die bei jeder Witterung im Freien schuften, eher zu erkranken, als Direktionssekretäre, die ihren Job in klimatisierten Räumen ausüben können. Fragen über Fragen also, auf die von den Unternehmern allerdings genau so wenig ehrliche Antworten zu erwarten sind, wie zu bestehenden Missständen am Arbeitsplatz. Deshalb sollten sich die Gewerkschaften nicht auf die seit Jahren vom Patronat geforderte Diskussionen zu Themen wie Krankenscheine und Fehltage einlassen.

Klumpfüße beseitigen

Wenn schon über Krankschreibungen diskutiert werden soll, dann nur mit dem Ziel, gefährliche Klumpfüße in der bestehenden Gesetzgebung im Interesse der Schaffenden zu beseitigen.

Seit vielen Jahren schon weisen die Kommunisten auf diese hin. So kann beispielsweise nach wie vor bereits eine einfache Erkältung dazu führen, dass ein Versicherter seinen Arbeitsplatz verliert, Wieso? Nun, wenn diese Krankschreibung dazu führt, dass der Grenzwert von 52 Wochen krankheitsbedingte Abwesenheit innerhalb einer Referenzperiode von 104 Wochen überschritten wird. Dies, nachdem das Gesetz so abgeändert wurde, dass heute innerhalb der Referenzperiode alle Fehltage angerechnet werden, anders wie vor der Reform, als die Fehlstunden je nach Krankheit separat angerechnet wurden. Wie erwähnt, kann deshalb bereits eine einfache Erkältung zu verheerenden Folgen führen.

Auch weitere Verschlechterungen sind noch immer in Kraft. Eine davon besteht darin, dass nach wie vor das Krankengeld bei längeren Krankmeldungen (10 Wochen innerhalb einer Referenzperiode von 20 Wochen) nur mehr dann weiter bezahlt wird, wenn dem »contrôle médical« der Sozialversicherung nach sechs Wochen Abwesenheit ein detaillierter Bericht des behandelnden Arztes vorliegt (Code R4). Probleme sind vorprogrammiert, wenn Krankgeschriebene, die beispielsweise hospitalisiert oder zu einer Behandlung im Ausland weilen, der Aufforderung ohne eigenes verschulden nicht nachkommen können, der Verwaltung den an sie gerichteten und vom Arzt auszufüllenden detaillierten Bericht innerhalb von 14 Tagen zukommen zu lassen. Wenn ein der CNS nicht fristgemäß zugestellter R4-Attest auch kein Kündigungsgrund ist, so könnte er bis zur Lösung des Problems allerdings schwerwiegende finanzielle Engpässe für den Versicherten zur Folge haben

Abschließend ist zu erwähnen, dass Mitarbeitern bei wiederholten oder längeren Abwesenheiten wegen Krankheit immer häufiger der Arbeitsvertrag gekündigt wird, ohne dass diese gegen die gesetzlichen Vorgaben verstoßen haben. Als Begründung der Entlassung, die erst beim Wiedererscheinen am Arbeitsplatz nach Ende des Krankenscheins oder nach Ablauf der Schutzfrist von 26 Wochen unter Wahrung der Kündigungsfrist zugestellt werden kann, gibt die Betriebsleitung in solchen Fällen einfach an, die Fehlstunden würden den Betriebsablauf ernsthaft stören, auf eine regelmäßige Mitarbeit sei kein Verlass mehr oder die häufigen und/oder langen Fehlstunden würden dem Betrieb schwerwiegende organisatorische Probleme bereiten.

Traurig, aber wahr.

g.s.

Gilbert Simonelli : Freitag 17. Februar 2017