Unser Leitartikel:
Von Nebenschauplätzen und einem Riß

Für diese Zeitung wie auf für die Kommunistische Partei bedarf es nicht des Internationalen Frauentages, um auf die Probleme der Putzfrauen aufmerksam zu machen. Wenn wir dennoch im Vorfeld des 8. März dieses Thema aufgreifen, dann weil dieses und andere soziale Themen von bürgerlichen Kräften, die auch in der in der Frauenbewegung dominieren, gern unter den Teppich gekehrt werden und stattdessen über alle möglichen tatsächlichen und vermeintlichen Frauenprobleme gesprochen wird, nur nicht über die Ausbeutung der Frauen in der Arbeitswelt und erst recht nicht über die Arbeiterfrauen.

Dabei gibt es viel in der Arbeitswelt der Putzfrauen, das danach schreit, an den an den Pranger gestellt zu werden. Angefangen damit, dass vielen Putzfrauen Teilzeitarbeit aufgezwungen wird, dass sie oft einem unzumutbaren Arbeitsrhythmus ausgesetzt sind und für die Schufterei oft gerade mal den Mindestlohn bekommen – vorausgesetzt sie sind eben nicht teilzeitbeschäftigt.

Mit dem Lohn ist es ohnehin so eine Sache. Laut dem Urteilsspruch des Kassationsgerichts von 2009 und des Appellationsgerichts von 2013 haben die vielen Frauen und die wenigen Männer, die im Reinigungsbereich arbeiten, eigentlich Anrecht auf den qualifizierten Mindestlohn. Aber die Unternehmerinnen und Unternehmer sind so sehr auf ihren Profit bedacht, dass sie alle möglichen Tricks anwenden, um sich dem zu entziehen.

Wenn hier von Unternehmerinnen und Unternehmern die Rede ist, dann um deutlich zu machen, dass der Riß in der Lohnfrage nicht zwischen Männern auf der einen und Frauen auf der anderen Seite besteht, sondern zwischen Kapitalisten und Lohnabhängigen, unabhängig davon, ob sie nun Männer oder Frauen sind.

Diese Erkenntnis gab es schon, als Frauen aus sozialdemokratischen und kommunistischen Parteien den Internationalen Frauentag ins Leben riefen. Je mehr bürgerliche Kräfte in der Frauenbewegung aber die Oberhand gewannen, desto weniger wird über die Thematik gesprochen.

Um Missverständnissen zuvorzukommen sei gesagt, dass es sehr wohl frauenspezifische Probleme und gesellschaftliche Diskriminierungen gibt, die alle oder zumindest einen Großteil der Frauen betreffen und die es zu bekämpfen und aus der Welt zu schaffen gilt.

Aber das sollte keinesfalls dazu führen, dass die wirtschaftlichen und sozialen Probleme der großen Mehrheit der lohnabhängigen Frauen an den Rand gedrängt oder vollständig ausgeblendet werden und stattdessen immer wieder Nebenschauplätze in den Mittelpunkt gerückt oder unpassende beziehungsweise falsche Problematiken thematisiert werden. Den vorgenannten Putzfrauen wie allen anderen lohnabhängigen Frauen kann es zum Beispiel völlig Wurscht sein, wie viele Frauen in Verwaltungsräten von Betrieben sitzen und ob sie von weiblichen oder männlichen Aktionären und Managern ausgebeutet werden – Hauptsdache sie wehren sich zusammen mit ihren männlichen Kollegen gegen diese Ausbeuter und das System, das die wirtschaftlichen und sozialen Ungerechtigkeiten und die Diskriminierung der Frauen immer wieder reproduziert.

Das sollte eigentlich Anlass genug sein, dass die lohnabhängigen Frauen am Internationalen Frauentag und auch an anderen Tagen auf die Straße gehen und sich dort einreihen, wo grundlegende wirtschaftliche, soziale und gesellschaftliche Veränderungen als Voraussetzung für die wirkliche Gleichberechtigung und soziale Befreiung der Frau angestrebt werden.

Ali Ruckert

Ali Ruckert : Freitag 3. März 2017