Unser Leitartikel:
Rückschau Frauentag

Der Internationale Frauentag 2017 ist Geschichte und mit ihm, wie wohl jedes Jahr, die Frage, was für Rückschlüsse aus diesem Tag für den Kampf um die Gleichberechtigung der Geschlechter in der Gesellschaft gezogen werden können.

Da sind auf der einen Seite die traditionellen Artikel zum Thema in den Medien, die auf die eine oder andere Art darauf Aufmerksam machen sollen, daß Frauen an diesem Tage besonders gewürdigt werden sollten. Die Oberflächlichkeit, mit welcher in den meisten Artikeln und Kommentaren im Mainstream auf diesen Tag eingegangen wird, ist enorm und nimmt, so meint man, jedes Jahr zu.

Politikerinnen und Politiker von tonangebenden Parteien in nationalen und EU-Parlamenten werden gleichzeitig nicht müde, zu fordern, daß es zur Gleichberechtigung der Frau notwendig sei, daß es Paritäten auf Wahllisten oder mehr Frauen in Aufsichtsräten großer Unternehmen gebe. Doch ist das wirklich die Lösung oder nur Augenwischerei?

Wird eine partizipative Gesellschaft allein durch eine Geschlechterquote erreicht? Ist die Ausbeutung in dem herrschenden Gesellschaftssystem in Großunternehmen eine andere, wenn eine Frau an der Spitze steht? Wären die bürgerlichen Medien tatsächlich weniger die Sprachrohre der Kapitalinteressen und deren politische Ausführungsorgane?

Auch die mit schöner Regelmäßigkeit vor Gemeindewahlkampagnen angefeuerten Aktionen, um mehr Frauen auf Wahllisten und in Gemeinderäte zu bekommen, machen eher den Eindruck einer verkrampften Alibimaßnahme. »Madame« kann ihre »Posch« ins Gemeindehaus tragen. Völlig unpolitisch, völlig gleichberechtigt und am Kern der Sache vorbei: Der Internationale Frauentag »war einst ein Kampftag« stand diese Woche irgendwo zu lesen. Nein, er ist es noch! Nur das, was von der herrschenden Politik und den dazugehörigen Medienhäusern daraus gemacht wird, ist ein Happening-Feiertag, der die Frau einen Tag hochleben lassen will, mit Pralinen und Rosen.

Island hat dieser Tage ein Gesetz erlassen, welches Unternehmen vorschreiben soll, Männer und Frauen für gleiche Arbeit gleich zu bezahlen. Das ist ein Schritt in die richtige Richtung. Frauen sind nicht selten neben ihrer schlechter bezahlten Arbeit immer noch in den meisten Fällen mit Kindererziehung und Haushaltsführung relativ alleingelassen und stehen unter einer Mehrfachbelastung. Eine gesetzliche Vorgabe, gleiche Löhne für gleiche Arbeit zu bezahlen ist deshalb ein Fortschritt.

Zu weiteren Fortschritten würde gehören, alle Menschen, egal welchen Geschlechts, nach ihren Fähigkeiten zu beurteilen, anstelle eine »Gegendiskriminierung« zu lancieren, indem Kandidatenlisten oder Zugangskriterien zu Arbeitsplätzen im Rahmen einer Quote vergeben werden. Dies reduziert die Frau zur »Quotenfrau« und schafft keine Gleichberechtigung. Es sind vielmehr hilflose Versuche einer herrschenden Politik, das Fehlen eines wirklichen Veränderungswillens zu verschleiern. Als Beispiel dazu sei an die euphorische Unterstützung hiesiger Politikerinnen, auch aus sozialistischen Kreisen, für die Wahlkampagne der ehemaligen USA-Außenministerin Hillary Clinton erinnert: »Erstes weibliches Staatsoberhaupt« als einziges Statement. Als diese während der Frauenproteste in den USA Anfang des Jahres den Demonstrantinnen ihre Solidarität »twitterte«, war gleichzeitig der von der Führung der »Demokratischen Partei« ausgebootete männliche Kandidat Bernie Sanders bei den Protesten dabei.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Donnerstag 9. März 2017