Unser Leitartikel:
Volkskrankheit Depression: Ursachen?

Am heutigen Weltgesundheitstag gibt es wie jedes Jahr eine lange Liste hehrer Ziele und Forderungen, wie die Gesundheit der Menschen in den Industrieländern geschützt und erhalten werden soll. Dies freilich nicht um ihrer Selbst Willen, sondern zuvorderst im Interesse der Wirtschaft, für die Abermillionen kleiner Zahnrädchen täglich rackern gehen und das immer länger am Tag, in der Woche, im Leben.

Dabei geht es natürlich in den meisten Fällen noch immer um die altbekannten Verschleißerscheinungen, die ein langes Leben fremdbestimmter Arbeit mit sich bringt. Da gibt es Knochen- und Muskelleiden oder andere gesundheitliche Defizite, die sich in den Jahren aufgebaut haben. Allerdings gibt es da noch eine weitere Erkrankung, über welcher bis heute der Schleier des Rätselhaften liegt: Psychische Erkrankungen. Es hat sie zwar zu allen Zeiten, mehr oder weniger konkret festgestellt, gegeben, in den vergangenen Jahren allerdings entwickeln sich besonders depressive Gemütserkrankungen zu einer regelrechten Volkskrankheit wie beispielsweise Bluthochdruck.

Von immer noch vielen Medizinern nicht richtig oder gar nicht diagnostiziert und von den Personalchefs als Ausrede zum »Blaumachen« oder »Modekrankheit« tituliert, fristen Betroffene nicht selten ein jahrelanges Leben unter den düsteren Wolken auf ihrem Gemüt, bevor sie endlich an den richtigen Facharzt geraten oder sich die Erkrankung von selbst löst. Letzteres tut sie allerdings, so raten Fachleute, ohne Behandlung im fortgeschrittenen Stadium nur noch äußerst selten.

Die Weltgesundheitsorganisation hatte deswegen vor Kurzem die Länder noch einmal dazu aufgefordert, dieses Thema erneut auf die Tagesordnungen zu setzen, denn die neuen Entwicklungen seien alarmierend. Häufig sind es aber auch die Betroffenen selbst oder ihr Umfeld, welche die Erkrankung als »Unpässlichkeit« abtun. Die Ursachen können im privaten Umfeld zu finden sein, worauf das Patronat gerne hinweist. Allerdings deuten immer mehr Anzeichen daraufhin, daß viele Erkrankungen eben nicht hausgemacht sind, sondern mit einem Ungleichgewicht von Arbeits- und Privatleben zu tun haben, beziehungsweise mit der Situation am Arbeitsplatz. Nicht erst seit Beginn der 1990er Jahre, als das Hamsterrad bereits eine gehörige Stufe schneller geschaltet wurde, sondern auch in den rezenten Jahren seit Beginn der aktuellen Krise, ist festzustellen, daß sich die Qualität der Arbeit diametral entgegen der Profitentwicklungen abwärts entwickelt hat. Trotz des unendlichen Heeres der Arbeitslosen werden Berufstätige immer weiter belastet und ihr Leben von fremdbestimmten Tätigkeiten eingenommen. Selbstverwirklichung und positive Lebensauffassung werden zunehmend auf harte Proben gestellt. Wer nicht problemlos funktioniert und in der Arbeitswelt aufgeht, bekommt zwangsläufig Probleme, sich in dem System wiederzufinden, trotz sozialer Leckerlis wie Elternurlaub oder ähnlichen Pflästerchen.

Was dringend benötigt wird, ist ein Umdenken bei der Frage, was die Gesellschaft ausmacht. Dies kann nur geschehen, wenn an den richtigen Hebeln gezogen wird. Die kommenden Wahlen können da sicher zu einem guten Teil hilfreich sein. Denn die Masse der psychischen Erkrankungen mit Ursache im Berufsleben verursachen viel Leid und große Kosten, die nicht von den selben Personen aufgefangen werden, welche die Profite einstecken, die unter solch krankmachenden Arbeitsbedingungen erarbeitet wurden.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Donnerstag 6. April 2017