Unser Leitartikel:
»Space Mining« – neues Spekulationsobjekt mit erdichtetem Wert

In der Geschichte des Kapitalismus gibt es seit mehr als dreieinhalb Jahrhunderten Wirtschafts- und Finanzkrisen. Bis Anfang des 19. Jahrhunderts hatten diese häufig politische Ursachen. So brach 1667 in England eine Krise im Zusammenhang mit dem Krieg gegen die Niederlande aus. Der niederländische Admiral Michiel de Ruyter fuhr in die Themse ein und bombardierte Tilbury Fort, das die Mündung des Flusses in die Nordsee beschützte. In London brach Panik aus. Die Banken wurden gestürmt. 1775 bis 1783 führte Großbritannien dann einen Krieg mit den amerikanischen Kolonien; die hohen britischen Verluste mündeten 1778 in einer Wirtschaftskrise.

Oft hatten diese frühen Krisen auch einen spezifischen Charakter. Anfang der 30er Jahre des 17. Jahrhundert kam es zum Beispiel in den Niederlanden – dem zu jener Zeit am weitesten entwickelten kapitalistischen Land – zu einem Spekulationsfieber, in dessen Verlauf der Wert einer einzigen Tulpenzwiebel auf 2.500 Gulden und mehr stieg. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Jahreseinkommen lag damals bei etwa 150 Gulden; die teuersten Häuser an einer Gracht in Amsterdam kosteten rund 10.000 Gulden.

Damals handelte man mit Tulpenzwiebeln, die gar nicht vorhanden waren – so wie man heute an den Terminbörsen mit Waren und Dienstleistungen handelt, die es vielleicht irgendwann einmal geben wird – vielleicht aber auch nicht. Damals engagierte sich ein großer Teil des produktiven Kapitals und des Finanzsektors in den Niederlanden in diesem Geschäft – bis die Spekulationsblase 1637 platzte und die niederländische Wirtschaft und vor allem das Geld- und Kreditwesen nachhaltig erschüttert wurden.

Diese »Tulpenmanie« wird in dem gut 200 Jahre später erschienenen Standardwerk des bürgerlichen deutschen Nationalökonomen Max Wirth »Geschichte der Handelskrisen« so bilanziert: »Viele Jahre vergingen, bis das Land sich von diesem Schlage wieder erholte und bis der Handel von den Wunden wieder genas, welche die Tulpenmanie ihm geschlagen hatte, eine Manie, die sich nicht bloß auf Holland beschränkte, sondern bis nach London und Paris sich erstreckte und in den zwei größten Hauptstädten der Welt der Tulpe einen erdichteten Wert beigelegt hatte, den sie in Wirklichkeit nie besaß.«

Was uns heute absurd vorkommt, war im Wesen nichts anderes als der Spekulationsprozeß, den die Regierung aus DP, LSAP und Déi Gréng offensichtlich mit ihrem neuen Lieblingsprojekt »Space Mining« anzustoßen versucht. Nicht zufällig wird auf der im Auftrag der Regierung betriebenen Internetplattform »Spaceresources.lu« das US-amerikanische Investmentbanking-Unternehmen Goldman Sachs zitiert, demzufolge der »Weltraumbergbau« angeblich »realistischer« ist als bisher angenommen. Wer Wirtschaftsminister Schneider und Konsorten allerdings geglaubt hat, als behauptet wurde, mit »Space Mining« ließen sich »die luxemburgische Wirtschaft diversifizieren« und neue Arbeitsplätze schaffen, sieht sich getäuscht. Das Land soll wohl kaum als »europäische Plattform im Bereich Ausbeutung und Verwendung von Ressourcen im Weltall« positioniert werden, vielmehr soll mal wieder dem Finanzplatz mit »neuen Finanzprodukten« aus der Krise geholfen werden.

Die 200 Millionen Euro an Steuergeldern, die die Regierung eigenen Angaben zufolge schon in »Spaceresources.lu« gepumpt hat, wären an fast jeder anderen Stelle besser aufgehoben gewesen. Damit hätte man auch gesellschaftlich sinnvolle Arbeit beispielsweise im Erziehungs-, Gesundheits- oder Pflegesektor fördern können.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Mittwoch 12. April 2017