Unser Leitartikel:
Der nächste Billigflieger

Diese Woche verkündete eine weitere Billigfluglinie, ihre Zelte am Flughafen Findel aufschlagen zu wollen. Es handelt sich hierbei um die spanische Volotea-Airline, welche künftig vom luxemburgischen Flughafen aus zweimal pro Woche ins schöne Nizza fliegen will. Volotea hat bis dato acht Basen in Frankreich, Italien und Spanien und baut ihr Streckennetz seit der Aufnahme des Flugbetriebes im April 2012 stetig aus. Volotea weicht dabei zunehmend auf mitteleuropäische Ziele aus, um der stärksten Konkurrenz durch den irischen Billigflieger Ryanair möglichst aus dem Weg zu gehen. Dabei wirbt die Airline etwa mit Flügen für unter 10 Euro zur Sommersaison.

Viele Urlauber und Kurzentschlossene werden sich darüber freuen, daß nun eine 16. Fluggesellschaft die Auswahl an mehr oder weniger günstigen Flugreisen zu interessanten Zielen ermöglichen und dabei den ohnehin klammen Geldbeutel schonen wird. Allerdings hat diese Freiheit enorme Nachteile. Nicht nur für die Umwelt aufgrund des gestiegenen Flugaufkommens, sondern auch im Bereich der Arbeitsethik: Es sollte klar sein, daß bei derart niedrigen Flugpreisen irgendwo am andren Ende der Kalkulation eingespart werden muß. Daß dies in den allermeisten Fällen beim Personal geschieht, ist kein Geheimnis. Die Zustände beim genannten irischen Billigflieger dürften da wohl die am häufigsten kritisierten sein.

An Bord läßt man dort das Fehlen einer kostenlosen Mahlzeit oder von Getränken ebenso über sich ergehen, wie das Verteilen von Werbekatalogen und einer Lotterie, die zusätzliches Geld in die Kasse des Billigheimers spülen sollen. Die dafür eifrig umherwuselnden Flugbegleiter können sich allerdings, anders als die meisten Passagiere, nicht auf die Ankunft des Fluges freuen. Wieder ist Kostenreduzierung im Spiel: Sie müssen nämlich den Flieger selbst putzen und für die nächste Tour vorbereiten. Da dies allerdings am Boden und nicht in der Luft geschieht, gibt es dafür keinen Cent Bezahlung, da es sich nach Auffassung des Unternehmens hier um Freizeit handelt. Gespart wird bei Ryanair auch an der Ausbildung. Die dürfen die Piloten nämlich gleich selbst bezahlen, ebenso wie ihre eigenen Arbeitsstunden als Copilot. Denn eine gewisse Anzahl Arbeitsstunden ist für die Anstellung als Pilot notwendig, und dies wird sich hier zu Nutze gemacht.

Leider sehen die meisten Passagiere, die sich darüber freuen, für 19 Euro quer durch Europa fliegen zu können, diese Hintergründe nicht; und großes Interesse daran, wie sich Dumpingpreise zusammensetzen, gab es ja ohnehin noch nie. Dem Reisenden fällt höchstens das knallhart kalkulierte Platzangebot in der Kabine auf. Die aggressive Standortpolitik des Unternehmens, welches sich am Ort so lange aushalten läßt, bis es anderswo bessere Konditionen findet.

All diese billigen Fluglinien bieten schlecht bezahlte Arbeitsplätze, die kaum Kaufkraft schaffen aber im Gegenzug absolute Unterwerfung und Flexibilität erwarten. Die Zielgruppe ist klar: Das wachsende Heer der Menschen, deren Löhne seit Jahren gegenüber den steigenden Lebenshaltungskosten real immer weiter sinken, die sich dennoch ihren Lebensstandard erhalten wollen. Tarifarbeitsplätze, Sicherheit und Umweltschutz sind die Opfer dieser »Geiz-ist-geil«-Strategie.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Donnerstag 13. April 2017