Rettungsbrigade als Kriegspartei

Syrien: Ärzte zweifeln an Integrität der regierungsfeindlichen »Weißhelme«

Ein kleiner Junge, vielleicht zwei Jahre alt, liegt auf einem Behandlungstisch. Er ist nackt. Seine halb geschlossenen Augen blicken matt in die Kamera. Ein älterer Mann, scheinbar ein Arzt in zivil, setzt dem Kind als lebensrettende Maßnahme eine Spritze durch den Brustkorb direkt ins Herz. Regungslos läßt der Junge die ohne Frage schmerzhafte Prozedur über sich ergehen.

Das verstörende Video haben die sogenannten »Weißhelme« (»White Helmets«) bereits vor einem Jahr auf Youtube hochgeladen. Es soll nach einem vermeintlichen Chlorgasangriff der syrischen Luftstreitkräfte auf die in der nördlichen Provinz Idlib gelegene Kleinstadt Sarmin am 16. März 2015 aufgenommen worden sein. Die »Weißhelme« sind eine freiwillige Rettungsbrigade des Zivilschutzes, die ausschließlich im Machtbereich der Assad-Gegner agiert. Sie graben Verschüttete aus den Trümmern und leisten medizinische Nothilfe. Die USA, Britannien, Deutschland und die Niederlande unterstützen die »Weißhelme« mit einem insgesamt dreistelligen Millionenbetrag in Euro, Pfund und Dollars. Unlängst wurden sie mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Die »Weißhelme« stehen allerdings auch in dem Ruf, es mit der Wahrheit so genau zu nehmen. Rettungsaktionen würden zu Propagandazwecken im Sinne der Regierungsgegner inszeniert, so ein massiver Vorwurf, der bereits im letzten Jahr während der Befreiung Aleppos durch die syrische Armee aufkam. Auch das oben beschriebene Video scheint die Zweifel an der Glaubwürdigkeit der »Weißhelme« zu bekräftigen.

Die Mediziner der humanitären und unabhängigen Organisation Schwedische Ärzte für Menschenrechte (SWEDHR) haben sich die Filmsequenz mit Screenshots und in Zeitlupe genauer angesehen. Das Urteil: Wäre der angebliche Arzt tatsächlich so vorgegangen, würde der Junge wohl nicht mehr leben. Auffällig sei unter anderem, daß sich die Menge der Substanz in der Spritze nicht verändert habe.

»Es ist deutlich erkennbar, daß der Mediziner, der die ›Injektion‹ vor der Kamera ausführt, niemals irgend etwas injiziert hat«, urteilt die schwedische Ärztin Lena Oske in der Aprilausgabe der Onlinemonatszeitschrift »The Indicter«. Das Kind in dem Video wirke außerdem betäubt, fast ohnmächtig. »Es scheint, als sei es zu schläfrig, um zu atmen«, sagt ein britischer Arzt, der anonym bleiben will, gegenüber SWEDHR. Er glaubt, daran sei eine Überdosis an Opiaten schuld. Chlor hingegen verursache keine Schläfrigkeit. »Das Opfer ringt bis zum Ende nach Luft.«

»Die Ergebnisse werfen ernste Fragen über die ethische Integrität der ‚Weißhelme’ auf«, stellt SWEDHR fest. Die Organisation betont ausdrücklich, daß sie den »Weißhelmen« nicht unterstelle, Kinder für Propagandazwecke umzubringen. Im Internet waren nach der Veröffentlichung des Untersuchungsberichts Nachrichten aufgetaucht, die das fälschlicherweise so darstellten.

Die Absicht der Notfallinszenierung ist klar: Mit den Bildern von leidenden Kindern wollen die bewaffneten Assad-Gegner, die überwiegend radikal-islamistisch orientiert sind, eine Flugverbotszone in Nordsyrien durchsetzen und natürlich die Welt weiter gegen den syrischen Präsidenten Baschar Al-Assad und seinen russischen Alliierten Wladimir Putin aufbringen. Als Doktoren der »Weißhelme« vor ziemlich genau einem Jahr vor der UNO die Aufnahmen aus Sarmin vorlegten, flossen bei manchem Diplomaten, wie bestellt, die Tränen. So werden sie denn auch vom Westen fürstlich unterstützt.

Beim USA-Präsidenten Donald Trump scheint die Strategie besonders gut aufzugehen. Die Fotos der toten Kinder hätten ihn zum Umdenken bewegt, sagte er auf einer Pressekonferenz nach dem vermeintlichen Giftgasangriff auf das Dorf Khan Scheikhun in der Provinz Idlib vor etwas mehr als einer Woche. »Wunderschöne kleine Babys« seien ermordet worden.

Kurz darauf ließ Trump aus Rache für die toten Kinder völkerrechtswidrig einen Militärflugplatz bei Homs bombardieren und löste damit die schwerste Krise der letzten Jahre zwischen den USA und Rußland aus. Stichhaltige Beweise für eine Schuld der Regierung in Damaskus bleibt Trump bis jetzt schuldig. Baschar Al-Assad hat in einem Fernsehinterview vehement bestritten, daß die syrische Armee Giftgas einsetze oder eingesetzt habe: »Der Angriff ist zu hundert Prozent konstruiert.«

Gerrit Hoekman

(Foto: EPA)

Freitag 21. April 2017