Vor 80 Jahren

»Die Verteidigung der Rasse«

Die römische Rassenideologie entstand lange vor den faschistischen deutschen Rassengesetzen. Im April 1937 formulierte sie Mussolini als Dekret

Zur Kolportage, daß in Ideologie und Politik Mussolinis zunächst Rassismus, Antisemitismus und Judenverfolgung keine so barbarische Rolle gespielt hätten, gehört auch die Behauptung, die faschistischen deutschen Rassengesetze habe Rom erst unter dem Druck Berlins 1938 übernommen.

Wenn auch die Judenverfolgung nicht das unmenschliche Ausmaß wie in Deutschland annahm, schlug die Geburtsstunde der römisch-rassistischen Ideologie bereits Ende des 19. Jahrhunderts, als Italien mit der Eroberung Eritreas und Südsomalias zur Schaffung seines Kolonialreiches in Afrika ansetzte. Für »La Grande Italia« und ein Mittelmeer als »Mare Nostrum«, »Unser Meer«, traten die Ideologen des Kolonialismus als »Erben des antiken Rom« auf, die dazu berufen seien, die »italienische Zivilisation« in die Welt zu tragen. Die entstehende Rassenideologie unterschied sich nur graduell von der späteren der Hitlerfaschisten. Sie ging von einer generellen Überlegenheit der europäischen Völker aus und klassifizierte die Afrikaner als »minderwertige Rassen«, als eine verwandte Form von Antropoiden oder Affen, die eine besondere Neigung zur Kriminalität und zu Lug und Trug hätten.

Während der kolonialen Eroberungen dienten die rassistischen Theorien zur Rechtfertigung des barbarischen Terrors. Noch bevor unter Hitler in Deutschland Konzentrationslager entstanden, errichtete der bereits 1922 an die politische Macht gekommene »Duce« diese bei der Eroberung Libyens 1931. Beim Überfall auf Äthiopien 1935/36 setzte er Giftgas ein und beging Völkermord.

»Die Söhne der Sonne«

In Äthiopien wurde die Rassenideologie sofort praktiziert. In die 1935/36 eroberte Kolonie kamen mehr als vorher italienische Siedler, die Kontakte zu den Einheimischen aufnahmen, mit ihnen Geschäfte machten, auch sexuelle Beziehungen zu Frauen unterhielten und selbst eheähnliche Verbindungen eingingen. Die rassistischen Unterweisungen sollten das unterbinden und unter ihnen, wie unter allen Italienern, den Geist des Herrenmenschen und der Herrenrasse züchten, um sie auf ihre Rolle als künftige Herren nicht nur des bestehenden Italienisch Ostafrika, sondern als Eroberer des ganzen Kontinents vorzubereiten.

Grundlage bildeten die Schriften des faschistischen Ideologen Julius Evola. Als Anhänger des in der Weimarer Republik berüchtigten Deutschen Herrenklubs, eines Wegbereiters der Machtübergabe an Hitler, und nach 1933 des Freundeskreises Himmlers schrieb er unter dem Einfluß der deutschen Mystik, des SS-Totenkults und anderen reaktionären Gedankenguts sein Hauptwerk »Die Söhne der Sonne«, in dem er die Überlegenheit der arischen Rasse, Führerkult und soldatische Disziplin verherrlichte. Die Historiker Angelo Del Bocca und Mario Giovanna schrieben, Evolas »Söhne der Sonne« seien Herrenmenschen, die gegenüber »jeglicher Schwäche unerschütterlich« seien, für die »nichts wahr und alles erlaubt ist«. Außer den »Herren« würden nur Sklaven existieren. Die Masse bestehe nur aus »Leuten, die überhaupt keine Rechte haben«, auch nicht das auf Leben, und über deren Vernichtung »man keine Träne zu vergießen braucht«.

Das Wüten von Mussolinis Sturmabteilungen und des Henkers von 30.000 Äthiopiern, des Generalgouverneurs von Äthiopien, Marschall Rodolfo Graziani, verdeutlichte, wie diese Aspekte der römischen Rassenideologie in barbarischer Weise umgesetzt wurden. Der in Addis Abeba weilende Korrespondent des Mailänder »Corriere della Sera« Ciro Poggiali schilderte, wie mit Knüppeln und Eisenstangen bewaffnete Italiener die Einheimischen auf der Straße erschlugen. »Nach kurzer Zeit sind die Straßen um die Hütten von Toten übersät.«

Die »Reinheit« der italienischen Rasse

Graf Galeazzo Ciano, Mussolinis Schwiegersohn und zu dieser Zeit Propagandaminister, untersagte jegliche Annäherung »der italienischen Rasse an die schwarze«, um die »Reinheit« der italienischen absolut zu wahren. Kolonialminister Alessandro Lessona verbot jede »Vermischung« mit der »einheimischen Rasse«, da das eine »Paarung mit minderwertigen Geschöpfen« und nicht nur »eine physische Anomalie« sei, sondern zur »Ertränkung unserer besten Qualitäten als dominierende Rasse« führe. Nach den Forderungen des führenden Rassenideologen, des Herausgeber der Zeitung des Großkapitals »Il Resto del Carlino«, Giorgio Maria Sangiorgi, wurde ein regelrechtes Apparteid-System errichtet, daß sich auf alle Bereiche der Kolonie erstreckte: Die Trennung galt im Gesundheitswesen wie in der Bildung, in Postämtern und Banken, erfaßte Restaurants und Kinos, Krankenhäuser, Bordelle und auch Friedhöfe.

Die rassistischen Forderungen faßte Mussolini am 19. April 1937 in seinem Dekret zur »Verteidigung der Rasse« zusammen, das scharfe strafrechtliche Maßnahmen einschloß. Es bereitete den Boden für das am 14. Juli 1938 verkündete »Rassenmanifest«, in dem »das völkisch-biologistische Prinzip« – so wie es Mussolini seit langem vertrat – zum Leitgedanken des faschistischen Rassismus und Antisemitismus erhoben wurde. Grundsätzlich und wesentlich wurden die faschistischen Rassengesetzte Hitlerdeutschlands übernommen, durch die sich der »Duce« bestätigt fühlte, der in puncto Rassismus aber keiner Anregung oder Nachhilfe von außen bedurfte. Das betraf auch den Antisemitismus, der bereits in den zwanziger Jahren zu einem tragenden Pfeiler seiner Ideologie avanciert war. Bereits im Juli 1935 hatte er Hitler wissen lassen, er habe »die Juden aus wichtigen Ämtern entfernt«.

Fruchtbar noch

Weit gefehlt, anzunehmen, die rassistische Ideologie gehöre der Vergangenheit an. Der Chef der rassistischen Lega Nord, Matteo Salvini, drohte am 11. März 2017 in Neapel: »Wenn wir an die Regierung kommen, werden wir die Roma-Lager und die Sozialzentren eliminieren«. Die Lega bekannte sich bei ihrer Gründung 1991 zur berüchtigten faschistischen deutschen Blut- und Boden-Ideologie und zu einem offenen Rassismus. 1994 half sie zusammen mit den Faschisten der Alleanza Nazionale, Nachfolgerin der 1946 als Movimento Sociale Italiano (MSI) wiedergegründeten Mussolini-Partei, dem Mitglied des Dreierdirektoriums der faschistischen Putschloge P2 und seiner Forza Italia (FI), Silvio Berlusconi, an die Macht und war bis 2011 in drei seiner Regierungen vertreten.

Rassistische Ausfälle gipfelten darin, es sei leider »leichter, Ratten zu vernichten als Zigeuner auszurotten« (»Süddeutsche Zeitung«, 16. April 2008). Der Lega-Senator Roberto Calderoni, unter Berlusconi zweimal Mini­ster, stellte sich 2013 hinter Aufrufe, die damalige aus der Demokratischen Republik Kongo stammende Ministerin Cecile Kyenge zu töten. Er verlangte, Flüchtlingsboote zu beschießen, diffamierte Einwanderer, sich »zu den Kamelen in der Wüste« zu scheren und »mit den Affen zu tanzen«. Lange Zeit richtete sich der Lega-Rassismus selbst gegen die Neapolitaner, deren Fußballklub in Mailand mit Spruchbändern empfangen wurde: »Was Hitler mit den Juden gemacht hat, wäre auch das Richtige für Napoli«.

Gerhard Feldbauer

Der Chef der rassistischen Lega Nord, Matteo Salvini, bei einer Hetzrede im Januar 2017 (Foto: EPA)

Freitag 21. April 2017