Auf der anderen Seite

Ein spannender Roman über die Suche nach Nazi-Verbrechern im Nachkriegs-Europa

Im Jahr 1946 wird der ehemalige Berliner Kriminalkommissar Andreas Eckart mit dem für ihn überraschenden Angebot konfrontiert, im Auftrag eines Militärgeheimdien­stes der USA im Nachkriegs-Europa nach flüchtigen Nazi-Verbrechern zu suchen. Eckart, der kurz nach der Machtübergabe an Hitler aus Deutschland in die USA fliehen konnte und sich dort abseits der Politik ein neues Leben eingerichtet hatte, kann zunächst mit dem an ihn her­angetragenen Ansinnen nicht viel anfangen. Das ändert sich, als er erfährt, daß es konkret um einen hohen SS-Offizier geht, der einst Eckarts Untergebener bei der Berliner Politischen Polizei war und bereits frühzeitig die Stufenleiter der Hierarchie der faschistischen Schlägertruppen erklommen hatte, zunächst bei der SA und dann, nach dem »Röhm-Putsch« zur SS gewechselt hatte. Unter dem Hitler-Regime bekam der SS-Mann Wagner leitende Positionen bei der Geheimen Staatspolizei und erprügelte sich im Laufe des Krieges eine hohe Position in der SS, in der er sich zuletzt in einem der faschistischen Konzentrationslager für seinen Führer unentbehrlich machte.

Der Polizeikommissar Eckart, Doktor der Medizin, hatte im Gegensatz zu Wagner eine distanzierte Haltung zu den aufkommenden neuen Herren Deutschlands – bedingt unter anderem durch Kriegserlebnisse an der Westfront im Ersten Weltkrieg. So widmete er sich vor 1933 intensiv der Ermittlung von Straftaten der SA-Schläger, gemeinsam mit seinem jüdischen Kollegen Rosenberg. Beide mußten für ihre Aktivitäten später schwer büßen. Eckart wurde bei Nacht und Nebel verhaftet und in einem Gestapo-Keller von Wagner, der Einzelheiten über dessen Ermittlungen gegen die SA herausbekommen wollte, schwer mißhandelt. Mit Hilfe eines USA-Diplomaten gelang ihm danach die Flucht. Schlimmer erging es seinem jüdischen Kollegen, der durch Wagner noch brutaleren Foltermethoden ausgesetzt wurde und anschließend nur durch die Unterstützung kommunistischer Widerstandskämpfer überleben konnte.

Eckart erfährt in den USA, daß viele der Nazi-Verbrecher der mittleren und unteren Chargen nicht gefaßt werden konnten und sich über die sogenannte »Rattenlinie« von Süddeutschland aus über Südtirol und Italien nach Übersee absetzen konnten. Viele dieser Leute seien noch unterwegs und könnten nicht ausfindig gemacht werden, darunter der ehemalige SS-Obersturmbannführer Wagner. Zusammen mit einem erfahrenen Geheimdienstmann macht sich Eckart schließlich auf den Weg ins kriegsgeschädigte Europa, getrieben von dem Wunsch, zumindest seinen früheren Peiniger ausfindig zu machen und dazu beizutragen, daß Wagner und seine Komplizen einer wie auch immer gearteten Gerechtigkeit zugeführt werden.

Das Unternehmen erweist sich als komplizierter als gedacht. Vor allem in Südtirol sind die beiden Nazi-Jäger mitten im Winter mit zahllosen Problemen konfrontiert, und die Spuren zu den Gesuchten erweisen sich immer wieder als nicht sehr zuverlässig. Zudem müssen Eckart und Special Agent Vanuzzi feststellen, daß ihre Suche auch der Gegenseite bekannt ist und von unbekannter Seite sabotiert wird.

In Italien schließlich gelingt es Eckart, etwas mehr Licht in die Angelegenheit zu bringen. Es stellt sich heraus, daß die Nazi-Verbrecher überall auf der »Rattenlinie« einflußreiche Helfer haben, die nicht nur die Flüchtigen mit windigen, aber gültigen Papieren des Roten Kreuzes und des Vatikan versorgen, sondern auch in der Lage sind, die Nazis mit Geld, Medikamenten, Lebensmitteln und komfortablen Unterkünften zu unterstützen. Er habe die Erfahrung gemacht, »daß SS-Männer die glühendsten Verfechter des katholischen Glaubens werden, sobald sie ihrer Irrlehre abgeschworen haben«, sagt einer der kirchlichen Würdenträger. »Sie sind zudem aufrechte antikommunistische Kämpfer, die uns in diesen Zeiten täglich wichtiger werden.«

Zu deren Schutz werden auch Gruppen ukrainischer und kroatischer Faschisten aufgeboten, die Eckart und Vanuzzi mehr als einmal in arge Verlegenheit bringen.

Martin von Arndt hat einen spannenden Roman über die Jagd auf flüchtige Nazis Ende 1946 und Anfang 1947 auf der Grundlage historischer Tatsachen geschrieben, der interessante Details über die Aktivitäten vor allem der US-amerikanischen Geheimdienste und deren Verbindungen zum Roten Kreuz und zur katholischen Kirche aufdeckt. Andreas Eckart gelingt es schließlich, in Italien mit Hilfe eines antifaschistischen Polizisten und dessen Sohnes in Kreise der katholischen Kirche einzudringen und detaillierte Erkenntnisse über den organisierten Mißbrauch von Personaldokumenten zu gewinnen, mit deren Hilfe massenweise Fluchthilfe für Nazi-Verbrecher betrieben wird.

In Gesprächen mit seinem aus den USA nach Italien geeilten Vorgesetzten vom militärischen Geheimdienst erfährt Eckart schließlich auch, daß die USA bereits kurze Zeit nach dem Krieg weniger Interesse an der Ergreifung von Schuldigen an Verbrechen der Faschisten haben, sondern sich in erster Linie darauf konzentrieren, den gewachsenen politischen Einfluß von Kommunisten und aufrechten Sozialisten in Italien und in Frankreich mit allen Mitteln zurückzudrängen und sich auf einen Krieg gegen die Sowjetunion vorbereiten. Aus diesem Grunde wurden in Italien bereits damals bewaffnete Schlägertruppen aus reaktivierten Faschisten organisiert, die sich unter der Bezeichnung »Stay behind« auf einen Krieg »hinter feindlichen Linien« vorbereiteten, aber vor allem gegen Kommunisten und andere Antifaschisten eingesetzt wurden.

»Die Faschisten haben Erfahrung in Terror und Straßenkampf«, erläutert Eckarts italienischer Polizeikollege. »Es sollen aber nicht nur Italiener sein, auch Deutsche und Kroaten, wer sich in Italien eben gerade so rumtreibt.« Auf die Nürnberger Prozesse gegen Kriegsverbrecher angesprochen, sagt einer der USA-Agenten: »Ein Zirkus, die längste Zirkusshow aller Zeiten! – Natürlich, das Gericht wird die meisten Angeklagten hängen, aber nicht, weil sie schuldig sind. … Weil sie unbrauchbar sind für den weiteren Einsatz.« SS-Obersturmbannführer Wagner wurde hingegen als »brauchbar für den weiteren Einsatz« eingestuft. Und so muß Andreas Eckart erkennen, daß er, zusammen mit Rosenberg, Vanuzzi und einigen anderen Gleichgesinnten, auf der anderen Seite steht.

Uli Brockmeyer

Uli Brockmeyer : Dienstag 6. Juni 2017