Unser Leitartikel:
So kann es nicht weiter gehen

Es reicht ein einfacher Blick hinter die Betriebsfassaden, um festzustellen, dass sich die Arbeitsbedingungen in den letzten Jahren massiv verschlechtert haben. In vielen Betrieben herrscht wieder die Mentalität, dass allein die in den Chefetagen das Sagen haben, und alle anderen die Vorgaben ohne Widerrede zu befolgen haben. Sogar dann, wenn diese nicht im Einklang mit Kollektivvertrag und Arbeitsrecht sind. Wer sich den Direktiven widersetzt, gerät ins schiefe Licht, gefährdet den Erhalt seines Arbeitsplatzes. Wenn dies auch nicht in allen Betrieben der Fall ist, so wuchs die Zahl der Unternehmen, in denen das Wort Mitbestimmung selbst mit dem stärksten Vergrößerungsglas kaum noch zu sehen ist, in den letzten Jahren allerdings ständig an. Was zur Folge hat, dass die Arbeitsbedingungen dort schlechter und die Beschwerden der Schaffenden lauter wurden.

Das Patronat sei dabei, das Rad der Geschichte um Jahrzehnte zurückzudrehen. Abkommen würden zwar weiter mit den Vertretern der Schaffenden unterschrieben, nur eingehalten würden sie immer seltener. Die Verfehlungen, die den Erwerbstätigen dabei aufgezwungen würden – und dies nicht nur in Betrieben, in denen es keine gewerkschaftliche Vertretung gibt – seien vielfältig, so die Beschwerden zahlreicher Personalvertreter.

Flexibilität und Deregulierung der Arbeitszeitorganisation hätten in so manchen Sektoren Ausmaße angenommen, die den Beschäftigten kaum noch zuzumuten sind. Dies gelte auch für die zunehmende Missachtung der vorgeschriebenen Ruhepausen zwischen den Schichten. Erscheine etwa bei Schichtschluss, aus welcher Ursache auch immer, die Ablöse nicht, so komme es immer häufiger vor, dass Arbeiter ihren Posten nicht verlassen dürfen. Des Öfteren bleibe es dabei nicht nur bei einigen wenigen Überstunden.

Über diesen Weg habe beispielsweise in der Stahlindustrie der »laangen Tour«, so wie früher die 16-Stunden-Schichten genannt wurden, wieder Einzug gefunden. Fakt sei, dass, trotz der hohen Arbeitslosigkeit, den Beschäftigten immer häufiger Mehrarbeit und Überstunden aufgezwungen werden.

Unter den negativen Folgen der zunehmenden Deregulierung der Arbeitszeitorganisationhaben haben nicht etwa nur Leiharbeiter oder Erwerbstätige mit Zeitverträgen zu leiden, die laut Statistiken am schlimmsten von den schlechten Arbeitsbedingungen betroffen sind. Nein, bei unserem Beispiel handelt es sich um Produktionsarbeiter von ArcelorMittal. Dass deren Beschwerden zunehmen, ist verständlich. So meinten uns gegenüber Beschäftigte aus dem Walzwerk, dass in ihrem Betrieb seit langem akuter Personalmangel herrsche. Statt jedoch neue Arbeitskräfte einzustellen, sei vorgesehen, weitere Posten abzubauen. Freizeit und Urlaub seien unter solchen Umständen kaum noch zu planen. Würde nicht schleunigst etwas dagegen unternommen, komme es noch so weit, dass man seine Zelte im Betrieb aufschlagen müsse, um jederzeit abrufbar zu sein.

Stress, Druck und Hetze demnach, wie sie größer nicht sein können. Das könne so nicht weiter hingenommen werden. Zumal auch die Verhandlungen zur Erneuerung des Kollektivvertrags auf der Stelle treten, und Verbesserungen der Arbeitsbedingungen über diesen Weg somit kurzfristig kaum zu erwarten sind. Dem Patronat müsse deshalb klar und deutlich am Verhandlungstisch vermittelt werden, dass auch die besten Motoren nicht dauerhaft auf Hochtouren laufen können, andernfalls sie zu explodieren drohen.

Wobei nicht nur den betroffenen Arbeitskräften, sondern auch der Produktion nicht gedient wäre.

gilbert simonelli

Gilbert Simonelli : Dienstag 6. Juni 2017