Airbus probt Offensive

Nachfolger für »Eurofighter« und »Tornado«: Rüstungskonzern will neues Kampfflugzeug entwickeln und bauen. Probleme mit Atombomben

Airbus hat reagiert. Der Rüstungsbereich des multinationalen Luft- und Raumfahrtkonzerns – Airbus Military – hat angeboten, den Nachfolger für die in der deutschen Bundeswehr und einigen weiteren NATO-Armeen eingesetzten Kampfflugzeuge »Tornado« und »Eurofighter« zu entwickeln und zu bauen. Das verriet der Bereichschef des Unternehmens, Fernando Alonso, dem »Handelsblatt« vom Montag. Nicht zufällig erwähnte der Topmanager, daß vor allem die Lobbyisten aus zwei Staaten dem Ansinnen Rückenwind verliehen, dessen Umsetzung der Mobilisierung erheblicher staatlicher Gelder bedürfe: »Wir arbeiten in Deutschland und Spanien an verschiedenen Bausteinen dafür, ein Teil der Finanzierung kommt von den Regierungen, wir hoffen auf mehr.«

Seit Wochen geistern Meldungen und Gerüchte durch die Medien, deren Tenor ist: »Tornado« und »Eurofighter« seien veraltet bzw. in die Jahre gekommen. Es brauche neues Kriegsgerät für die Luftstreitkräfte – sowohl in Deutschland als auch in Spanien. In Berliner Regierungskreisen erwäge man, das »hochmoderne US-Kampfflugzeug ‚F-35’« zu erwerben. Deutschland und Spanien wollen aufrüsten, nicht nur weil das verwendete Fluggerät veraltet ist, sondern auch weil die Washingtoner Regierung Druck auf die NATO-Mitglieder ausübt, jährlich die vereinbarten zwei Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts (BIP) für »Verteidigung« auszugeben. Bei einem BIP von 3.134 Milliarden Euro in Deutschland (2016) wären das 62,68 Milliarden Euro. Im vergangenen Jahr waren für solche Zwecke rund 35 Milliarden Euro im Budget vorgesehen. Bei einer rasanten Erhöhung des Etats auf die anvisierten zwei Prozent gäbe es viel zu ernten für die Rüstungslieferanten. Und das soll Lockheed einheimsen? Immerhin wird der Stückpreis einer »F-35« mit 100 Millionen US-Dollar angegeben.

Aus Sicht von Airbus Military geht das natürlich nicht. Ein erhebliches Geschäftsvolumen ginge verloren – das man in Toulouse schon als ziemlich sicher für den eigenen Konzern verbucht glaubte. Vor allem: So würde Airbus Military die sogenannte Systemfähigkeit verlieren, ein komplexes, fliegendes, topaktuelles Kriegsflugzeug zu projektieren und zu bauen, das auch tatsächlich einsatzfähig ist. Doch im von Gesamtkonzernchef Thomas Enders geleiteten Konsortium hat man sich etwas ausgedacht: Man wolle ein integriertes System, das »Drohnen, Kampfflugzeuge, Satelliten sowie Kommando- und Kontrollflugzeuge« verbinde, so Alonso zum »Handelsblatt«. Das Ganze firmiert unter dem Projektnamen »Future Combat Air Sy­stem« (FCAS). Und der Manager fügte hinzu: »Wir hoffen, daß auch Frankreich teilnehmen wird, denn wir müssen es in Europa gemeinsam machen.«

Ja, die Konkurrenz ist groß und hat zum Teil groteske Formen angenommen. Betrachtet man die dabei in Bewegung zu setzenden Milliardensummen, ist das kaum verwunderlich. Frankreich, praktisch der Stammsitz des Airbus-Konzerns, der von der dortigen Oligarchie auch als eine Art »nationaler Wirtschaftschampion« verbucht wird, hat spezielle Interessen, wenn es um Kriegsdüsenflieger geht. Der Multimilliardär Serge Dassault ist einer der zumeist stillen Lenker unseres Nachbarlandes. Aber er kann auch ziemlich laut werden. In seinem Unternehmen Dassault Aviation läßt er für das heimische Militär den Kampfjet »Rafale« bauen. Der ist wahrscheinlich weder besser noch schlechter als die Angebote der Hauptkonkurrenten, aber irgendwie bleibt das Geld so im Lande. Und weil der 1925 geborene Dassault als Eigentümer u. a. des »Figaro« auch ein Medienmogul und mit Airbus geschäftlich verbandelt ist, wird das vermutlich so bleiben.

Für das deutsche Militär beinhaltet die Frage nach neuen Luftkampfsystemen nicht nur ein finanzielles, sondern auch ein technisches Problem. Die womöglich letzten fliegenden Kisten vom Typ »Tornado« fotografieren derzeit für die »Anti-IS-Allianz« Stellungen in Syrien, die dann von den »Partnern« bombardiert werden. Nein, eingeladen wurde die Bundeswehr von der legitimen Regierung in Damaskus dazu nicht, aber Bündnis ist schließlich Bündnis. Nur daß nicht alle Partner das so eng sehen: Die Türkei hat es inzwischen anscheinend tatsächlich geschafft, die deutsche Chefmilitärkommandantin Ursula von der Leyen dazu zu bewegen, die Flugzeuge lieber nach Jordanien verlegen zu lassen.

Wichtigste Aufgabe der »Tornados« ist jedoch nicht, Bilder zu machen. Deutschland hält die Maschinen hauptsächlich deshalb vor, weil sie US-amerikanische Atombomben befördern und abwerfen können. Das vermag der »Eurofighter« nicht. Die entsprechende Zielstellung geht laut »Handelsblatt« auf irgendwelche Vereinbarungen im Rahmen der »nuklearen Teilhabe« Deutschlands zurück – ein freiwilliger Knebelvertrag, wie es scheint, der die provisorischen deutschen Atombomber USA-Kontrolle unterstellt.

Der »Joint Strike Fighter« »F-35« kann Atombomben abwerfen. Anderes offenbar weniger. Beispielsweise sicherstellen, daß die ihn fliegenden Piloten genügend Sauerstoff beim Luftkampf atmen können, wie einige bekanntgewordene Vorfälle in letzter Zeit nahelegen. Im Rahmen des Anfang des Jahrtausends nach einem dramatischen Bieterkampf zwischen Lockheed und Boeing an ersteren Konzern vergebenen Projekts (Lockheed holte dann die Konkurrenten Northrop Grumman und die britische BAE mit ins Boot) werden bisher drei Varianten der »F-35« angeboten, von denen jedoch keine bis heute als ausgereift gilt. Allein das Finanzvolumen des USA-Auftrages für die Flieger beläuft sich auf fast 400 Milliarden Dollar.

Schon das wird Airbus nicht ruhen lassen, mit dem FCAS zum Zuge zu kommen. Allerdings heißt es, daß die deutsche Regierung derzeit keine Entscheidung treffen wolle – Merkel und Co. wollen bis nach der Bundestagswahl warten.

Klaus Fischer

Das glaubt Airbus auch zu können: Die fliegende Investitionsruine »F-35« beim Abwurf einer Lenkbombe (Foto: US Navy)

Donnerstag 15. Juni 2017