Unser Leitartikel:
Die heilige Kuh wird zu Tode gemolken

Der luxemburgische Fußball ist in die wohlverdiente Sommerpause entlassen worden, nachdem das Saisonhighlight der Barragespiele wieder weit mehr Zuschauer als im Saison-Durchschnitt auf die hiesigen Plätze gelockt hatte. Obwohl der lokale Fußball von vielen Einheimischen als fade Kost verschmäht wird, weil das Erlebnis Fußball für sie entweder bedeutet, einmal im Jahr nach München oder Dortmund zu fahren oder gleich ganz vor dem heimischen TV zu bleiben, zeigen die rezenten Jahre ein gegenläufiges Phänomen: Immer mehr Event-Flüchtlinge, die der ausufernden Kommerzialisierung des Fußballs in unseren Nachbarländern den Rücken kehren und zurück zu den Wurzeln wollen, wenden sich dem Fußball in Luxemburg zu.

Nicht nur in Deutschland, England oder Frankreich wird der unterklassige Fußball populärer, auch in Luxemburg haben sich in den vergangenen Jahren zahlreiche kleine Fangruppen gebildet, denen es mehr Spaß bereitet, sonntags auf den Plätzen der unteren Divisionen ihre Mannschaften bei Bier und Wurst und bester Laune anzufeuern, anstatt etwa ein bis zur Unkenntlichkeit gentrifiziertes Konsumprodukt Championsleague oder Bundesliga im Nachbarland anzusehen, womöglich noch horrende Summen für ein Abonnement von Pay-TV auszugeben. Nicht nur entsetzen von politischer Seite und aus Reihen der Verbände völlig populistische Sicherheitsdiskussionen, sondern auch der Eindruck, daß all diese Verbände, bis hinauf zur FIFA, sich immer weiter von diesem Sport und seinen Anhängern zu entfernen scheinen. Da werden EM und WM mit noch mehr Teilnehmern und in neuen Modi beschlossen, Turniere an Regimes in der Wüste vergeben und mit allen Mitteln versucht, die Schere zwischen großen und Kleinen Klubs auseinander zu drücken. Dies hat man zuletzt bei den immer wieder umstrittenen Relegationsspielen in Deutschland miterleben können, wo das Überleben von Vereinen immer weiter erschwert wird

Gleichzeitig werden Regeln des Vereinswesens, Stichwort 50+1, umgangen, damit etwa ein Brausemilliardär aus der Alpenrepublik seine Taurin-Bullen, einen neuen »Verein« vortäuschend, als werbewirksame Fußballmannschaft in europäischen Ligen platzieren kann. Da streiten Vereinsleitung und jordanischer Investor beim TSV 1860 München auf dem sinkenden Schiff um die Hoheit an Bord und werden schon junge Spieler für immer wahnwitzigere Summen unter den Platzhirschen des europäischen Fußballs verscherbelt, während andere das Bißchen Steuern auf ihren Reichtum auch noch hinterziehen wollen.

Die Anstoßzeiten richten sich in diesen Ligen schon längst nach den Interessen der TV-Konzerne. Die Zeiten, als Vater sonntags ins Stadion ging, um dort seine Freizeit von der Arbeit zu verbringen sind längst vorbei. Heute muß man sich Urlaub nehmen, um die Spiele an Wochentagen besuchen zu können. Am besten jedoch sollte man natürlich daheim vor dem Fernseher bleiben und dafür bezahlen. Jeden Tag Fußball – sieben Tage in der Woche. Die totale Übersättigung dürfte bald erreicht sein. Dennoch zeigen die neuen TV-Verträge zur Championsleague und Ideen, ein deutsches Pokalfinale in China austragen zu lassen, um »neue Märkte« zu erschließen, daß der Krug immer weiter zum Brunnen getragen wird, bis er bricht.

Es verwundert daher wenig, daß nicht nur Einheimische, sondern auch immer mehr Fußballfreunde aus den angrenzenden Nachbarländern den Weg auf unsere Fußballplätze und sogar zu den Spielen der Nationalmannschaft finden. Attraktivität ist eben keine Frage des Geldes.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Donnerstag 15. Juni 2017