»Die Besatzung wird einfach hingenommen«

Okkupation des Westjordanlands hat die israelische Gesellschaft verändert. Fanatismus nimmt zu. Interview mit Moshe Zuckermann*

Am vergangenen Wochenende fand die Konferenz »50 Jahre israelische Besatzung« in Frankfurt am Main statt. Dort sprachen Sie über die Entwicklung der Besatzung und deren Auswirkungen auf die Gesellschaften in Israel und Palästina. Welches Fazit ziehen Sie? Über die palästinensische Gesellschaft möchte ich lieber nicht reden, das sollten die Palästinenser tun. In Israel hat sich die 50 Jahre andauernde Besatzung auf drei Ebenen ausgewirkt. Erstens in der zunehmenden Militarisierung der Gesellschaft. Das Militär ist zu einer Polizeimacht geworden, die mehr oder weniger eine Besatzung zu verwalten hat. Militär und Grenzschutz gehen teilweise sehr brutal vor. Die Organisation Breaking the Silence thematisiert das und ist zum Staatsfeind Nummer eins geworden.

Es gibt zudem Auswirkungen sozialpsychischer Art. Es ist ungeheuerlich, daß die Besatzung und alles, was mit und durch sie geschieht, einfach hingenommen wird. In der israelischen Gesellschaft ist die Okkupation zu einer Selbstverständlichkeit geworden, als sei es die natürlichste Sache der Welt. Besatzung ist für die allermeisten Israelis zur zweiten Natur geworden, sie ist quasi in die israelische DNA eingegangen. Die Israelis können gar nicht mehr in anderen Kategorien denken, und das hat die Verhältnisse immer mehr verfestigt.

Die dritte Ebene ist die der Religion. Die Nationalreligiösen, die das Hauptkontingent der Siedlerbewegung ausmachen, sind zu einem dominanten Faktor in der israelischen politischen Kultur geworden. Naftali Bennett – der Vorsitzende der Nationalreligiösen Partei und auch der Siedlerbewegung – ist heute der gefährlichste Gegenspieler von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Ein Reporter des Fernsehsenders Al-Dschasira fragte Bennett kürzlich, was mit den besetzten Gebieten passieren werde. Dieser antwortete, es gebe keine besetzten Gebiete. Das Land sei von Gott verheißen. Daraufhin entgegnete der Reporter, dies sei doch kein Argument. Bennett fragte, ob der Journalist die Bibel umschreiben wolle. Die Bibel als Argument, von Gott verheißenes Land – das sind nicht nur Sprüche. Hinter den Aussagen steckt ein tiefer Glaube bei diesen Leuten, die in den besetzten Gebieten leben. So war es früher nicht.

Was haben 50 Jahre Besatzung für Sie persönlich für Folgen gehabt? Ich war nie Antizionist. Als Sohn von Holocaustüberlebenden war für mich die Gründung eines jüdischen Staates nach 1945 eine historische Notwendigkeit. Anders als andere, die in Israel geboren wurden, habe ich zehn Jahre in Deutschland gelebt. Ich habe mit 20 Jahren eine zionistische Entscheidung getroffen: Ich kehrte nach Israel zurück. Besonders nach 1967 war die dortige Entwicklung für mich eine große Enttäuschung. Irgend etwas war von Grund auf schiefgelaufen. Und das hat mich politisiert und sehr frühzeitig in meiner akademischen Arbeit beeinflußt.

Sie sind in Israel geblieben.

Ja, ich bin in Israel geblieben. Allerdings als einer, der gegen das Israel ankämpft, wie es sich nach und nach entwickelt hat. Und das seit sehr vielen Jahren.

Und sind Ihre Weggefährten über die Jahre weniger geworden? Ja, es gab eine radikale Linke, zu der ich in Israel gehöre. Sie war nie bestechlich, sie ist beständig geblieben. Aber es gab die zionistische Linke, etwa die Peace-Now-Bewegung und andere. Als der Oslo-Friedensprozeß Anfang 2000 zusammengebrochen war, haben viele sich von ihrem Linkssein verabschiedet. Andere haben sich in den Winterschlaf gelegt und sind nie wieder aufgewacht.

Es gibt UNO-Resolutionen, welche die Besatzung, die Besiedlung und den Siedlungsbau als völkerrechtswidrig kennzeichnen. Dennoch festigt sich die Besatzung, der Siedlungsbau expandiert. Hat die UNO versagt? Für meine Begriffe schon. Aber auch nur deshalb, weil die US-Amerikaner es zugelassen haben. Wenn die Amerikaner es gewollt hätten, daß die UNO-Resolutionen umgesetzt werden, hätten sie unabhängig von der UNO selbst Israel zwingen können, zu handeln. Daran waren sie nie wirklich interessiert. Es war zwar wichtig, daß diese UNO-Resolutionen verabschiedet wurden, aber sie hatten »keine Zähne«. Sie waren – für die Amerikaner – nie mehr als ein Lippenbekenntnis.

Interview: Karin Leukefeld

*Moshe Zuckermann ist Soziologe und Professor für Geschichte und Philosophie an der Universität von Tel Aviv

Linke demonstrieren in Tel Aviv für ein Ende der Besatzung (24. Oktober 2015) (Foto: EPA)

Freitag 16. Juni 2017