»Puerto Rico wird niemals ein Bundesstaat der USA«

Warum seine Heimatinsel das Recht auf seine Unabhängigkeit hat. Interview mit Oscar López Rivera*

Nach Ihrer Entlassung aus dem Gefängnis kehrten Sie nach über 35 Jahren in Ihr Land zurück, dessen Situation von einem völligen wirtschaftlichen Zusammenbruch und einer vom USA-Kongreß eingesetzten Finanzkontrollbehörde geprägt ist. Wie erleben Sie das?

Mein Land leidet unter einer fürchterlichen Krise. Es ist in eine wirtschaftliche Lage manövriert worden, aus der es sich nicht mehr aus eigener Kraft befreien kann. Die Finanzkontrollbehörde hat schon eine Menge Geld ausgegeben, ohne Puerto Rico irgendwelche Hilfsmittel zur Lösung seiner ökonomischen Probleme zur Verfügung zu stellen. Die Behörde hat bislang lediglich Geld aus dem Bildungsbereich abgezogen, so zum Beispiel aus der Universität von Puerto Rico, und die Renten der Arbeiter gekürzt. Das alles wird die Wirtschaft weiter beeinträchtigen, schlimmer noch als im vergangenen Jahr oder dem davor. Das Land kann seine Schuldenlast nicht selbst abtragen. Das ist unmöglich, es sei denn, den Arbeitern wird auch noch der letzte US-Dollar aus der Tasche gezogen. Das ist die heutige Realität.

Die Kolonialregierung ist nicht mehr in der Lage, der Bevölkerung irgendwelche Anreize zu bieten. Anreize bietet sie nur ausländischen Investoren, damit sie ihr Geld in Puerto Rico anlegen. Wer heute dort investiert, ist kein Puertoricaner. Deshalb wandern alle Profite, die heute gemacht werden, ins Ausland. Das hilft nicht der Binnenwirtschaft. Deshalb sehe ich Puerto Rico in großen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, und die Arbeit der »Junta«, der Finanzkontrollbehörde, die dem Land von Washington aufgezwungen wurde, ist wirklich ein äußerst schädlicher, ja ein krimineller Akt gegen die Bevölkerung.

Wie könnte sich Ihr Heimatland aus dieser gewaltigen Krise befreien? Einige Entwicklungen sehe ich positiv. Zum Beispiel kämpfen die Hochschulstudenten dafür, ihre Universität zu erhalten oder sie zumindest gegen Kürzungen zu verteidigen. Das ist sehr positiv. Die puertoricanische Jugend ist die Zukunft des Landes. Und solange sie kämpft und sich für die Verbesserung der Wirtschaft einsetzt, für die Verbesserung ihrer eigenen Lage und der Puerto Ricos, solange gibt es noch Hoffnung.

Das Referendum ist ein weiterer Akt des Kolonialismus. Puerto Rico wird niemals ein USA-Bundesstaat werden, definitiv nicht. Nur eine einzige politische Partei – die bürgerliche PNP – will dieses Referendum und nimmt daran teil. Alle anderen boykottieren die Abstimmung. Die zehn Millionen US-Dollar, die das Referendum kostet, könnten besser in das Bildungssystem gesteckt werden. Dann könnten wir einige der 169 öffentlichen Schulen erhalten, die jetzt vor ihrer Schließung stehen. Warum wird das Geld nicht dafür verwendet? Diese Frage wurde dem Gouverneur von Puerto Rico immer wieder gestellt. Aber er hat darauf keine Antwort. Was muß also geschehen?

Puerto Rico hat als Kolonie das Recht – jedes Recht! – auf seine Unabhängigkeit. Das Völkerrecht garantiert, daß die Puertoricaner im antikolonialen Kampf alle ihnen zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen dürfen, auch Gewalt. Dazu rufe ich jetzt nicht auf, aber Kolonialismus ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Darin müssen wir ganz klar sein. Wenn wir als Puertoricaner den Kolonialismus dulden, dann dulden wir ein Verbrechen. Die Welt muß begreifen, daß wir Puerto Rico lieben. Ich liebe mein Heimatland. Für mich ist es das gelobte Land. Deshalb müssen wir Puerto Rico vom Kolonialismus befreien. Die Frage der Gewalt stellen wir allerdings jetzt nicht und propagieren sie auch nicht. Das sollte ganz klar sein. Es ist wichtig für Leute, zu wissen, mit wem sie es zu tun haben. Wir sind menschliche Wesen, die ihr Heimatland lieben. Aber wir wollen Freiheit und Gerechtigkeit auch für die ganze Welt erreichen.

*Oscar López Rivera ist ein puertoricanischer Freiheitskämpfer und saß fast 36 Jahre in USA-Haft. Das hier stark gekürzte Gespräch führte Juan Gonzáles am 8. Juni 2017 für Democracy Now!

Übersetzung: Jürgen Heiser

(Foto: EPA)

Freitag 16. Juni 2017