Auszeit mit Folgen

Commissario Brunetti läßt zwei Todesfälle unaufgeklärt

Donna Leon, Stille Wasser, Commissario Brunettis sechsundzwanzigster Fall, Diogenes Verlag Zürich 2017, 352 Seiten, 24 Euro (D), 978-3-257-06988-4


Guido Brunetti nimmt sich eine Auszeit. Bei einem Verhör täuscht der Commissario einen schweren Schwächeanfall vor, um damit eine absehbare Handgreiflichkeit eines jungen Kollegen gegen den arroganten Verdächtigen zu verhindern. Der Sproß eines der reichsten Notare Venedigs steht im dringenden Verdacht, bei einer Party einer jungen Frau unbemerkt Drogen verabreicht zu haben. Die Frau war an den Folgen wenige Stunden danach verstorben. Der Commissario wird in die Notaufnahme eingeliefert und muß sich entgegen seinen eigentlichen Absichten ausführliche medizinische Untersuchungen gefallen lassen. In deren Ergebnis kommen die Ärzte zu der festen Meinung, daß Brunetti überarbeitet sei und dringend eine Erholung von zwei bis drei Wochen benötige.

Nach Beratung mit seiner Frau Paola beschließt Brunetti, die Gelegenheit für eine Auszeit zu nutzen und zieht sich in eine Villa außerhalb Venedigs zurück, die einem wohlhabenden Onkel seiner Frau gehört. Er freundet sich mit dem Verwalter an, der, wie sich herausstellt, ein enger Freund von Brunettis Vater war, dem er einst einen grandiosen Sieg bei einer Ruderregatta verdankte – den einzigen Sieg, den Davide Casati in seinem Leben verbuchen konnte.

Gemeinsam unternehmen die Männer ausgedehnte Ausflüge mit Casatis selbstgebautem Ruderboot. Ungeachtet der drückenden Sommerhitze rudern sie stundenlang zwischen den Lagunen unweit der Lagunenstadt. Casati macht seinen neuen Freund mit der nicht mehr unberührten Natur bekannt, philosophiert über das allmähliche Absterben von Flora und Fauna und zeigt Brunetti seine Bienenzucht. Auch seine Bienenvölker werden durch die zunehmende Verschmutzung der Umwelt stark dezimiert, manche Bienenstöcke mußte Casati schon verbrennen, um eine Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern. Der wortkarge Verwalter nimmt Proben von toten Bienen und vom Schlamm der Lagune, hält sich aber gegenüber Brunetti bedeckt, was den Zweck der Proben und seinen Verdacht betrifft. Er schweigt auch über eine auffällig große Narbe auf seinem Rücken, die offenbar von einem früheren schweren Arbeitsunfall herrührt.

Eines Tages sagt Casati eine Verabredung kurzfristig ab, am nächsten Tag überrascht dessen völlig verstörte Tochter den Commissario mit der Nachricht, ihr Vater sei nicht nach Hause gekommen und habe sich nicht gemeldet. Brunetti organisiert eine umfangreiche Suche. Casati wird schließlich in der Nähe des Friedhofs gefunden, auf dem vier Jahre zuvor seine an Krebs verstorbene Frau begraben ist. Der Mann ist anscheinend ertrunken.

Der Commissario hegt starke Zweifel an einem Unfalltod und beginnt mit Hilfe seiner Kollegen von der Polizei Venedigs eigene Nachforschungen. In deren Verlauf trifft er auf eine Frau, die sich beruflich mit Bodenuntersuchungen beschäftigt, und auf zwei Männer, die ebenfalls Opfer eines schweren Arbeitsunfalls waren. Brunetti und seine Kollegen können allmählich etliche Zusammenhänge durchschauen, aber am Ende bleibt der Todesfall unaufgeklärt, ebenso wie der Drogentod der jungen Frau...

Donna Leon hat sich entschlossen, ihren Commissario diesmal vor allem außerhalb von Venedig ermitteln zu lassen und dabei den einen oder anderen Skandal aufzudecken. Trotz des für Brunetti und die Tochter Casatis unbefriedigenden Ausgangs ist auch dieser sechsundzwanzigste Fall Brunettis eine spannende und hochinteressante Lektüre.

Uli Brockmeyer

Uli Brockmeyer : Dienstag 4. Juli 2017