Unser Leitartikel:
Die NATO und die Devise des Guillaume d’Orange, compte de Toulouse

»Il n’est pas nécessaire d’espérer pour entreprendre, ni de réussir pour persévérer«

(Es ist nicht erforderlich, zu hoffen, um etwas zu unternehmen, noch erfolgreich zu sein, um weiterzumachen)

Guillaume d’Orange,

compte de Toulouse (755-812)

Es scheint, als habe sich die NATO diese Devise, besonders deren zweiten Teil, zu eigen gemacht. Im Herbst dieses Jahres werden es 17 Jahre, dass die NATO in Afghanistan erfolglos für »Freiheit & Democracy« und alle anderen »westlichen Werte« kämpft, und sie wird das wohl noch weitere Jahre erfolglos tun.

Der US-amerikanische General Philip M. Breedlove, bis Ende 2016 Oberbefehlshaber der NATO, schrieb in einem Artikel in der Juli-Ausgabe 2016 der Zeitschrift »Foreign Affairs«, in welchem er eine Art Bilanz seiner Tätigkeit im westlichen Kriegsbündnis zog, dass die NATO sicherlich noch bis Ende 2020 in Afghanistan präsent sein müsse. Das freut natürlich alle strammen Atlantiker in den europäischen NATO-Ländern, darunter das geostrategische Genie der deutschen Sozialdemokratie, Peter Struck, ehemaliger Verteidigungsminister, der schon vor 17 Jahren herausgefunden hatte, dass Deutschland auch am Hindukusch verteidigt werden müsse. Diese Verteidigung erweis sich als so wirksam, dass die Taliban heute ein Drittel des Territoriums beherrschen und sogar in der Hauptstadt Kabul Angriffe auf die deutsche Botschaft unternehmen können.

Daher geht jetzt wieder die Rede von einer militärischen Verstärkung der NATO durch Zahntausende Soldaten in Afghanistan.

Doch Afghanistan hat an seinem Nordostzipfel eine gemeinsame, knapp 100 Kilometer lange Grenze mit China, und man kann davon ausgehen, dass die Volksrepublik dort nicht noch weitere lange Jahre Truppen der größten Militärallianz dulden wird. Denn in China ist nicht vergessen, dass es gerade das »Verteidigungsbündnis« NATO war, das nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa wieder den ersten Angriffskrieg startete – im April 1999 gegen Jugoslawien. In Erinnerung bleibt den Chinesen auch, dass damals ihre Botschaft in Belgrad, also chinesisches Territorium, von NATO-Flugzeugen bombardiert wurde, und mehrere Tote und Verletzte zu beklagen waren.

Die anhaltenden hegemonialen Bestrebungen der USA und die Versuche, ihren Willen und ihre Vorstellungen anderen Ländern aufzuzwingen, veranlassten kürzlich den chinesischen Präsidenten Xi Jinping in einer in Genf gehaltenen Rede, die USA vor der »Thukydides-Falle« zu warnen. Der griechische Geschichtsschreiber und Stratege Thukydides verfasste eine Chronik über den Peloponnesischen Krieg zwischen Athen und Sparta (431-404 vor unserer Zeitrechnung). Er schilderte, wie Athen in die Falle der Überheblichkeit und der Dominanz tappte, besonders beim Versuch, die Insel Sizilien zu erobern, indem es sich sowohl militärisch als auch finanziell übernahm und letztlich vor der aufstrebenden Macht Sparta kapitulieren musste.

Unter den 29 NATO-Mitgliedern gibt es kein einziges, das die USA vor der dauernden Weiterführung nicht gewinnbarer Kriege warnen würde, so wie China das tut. Sie scheinen alle vergessen zu haben, dass die NATO nur ihren ersten Angriffskrieg gegen Jugoslawien siegreich gestalten konnte und seither keinen mehr.

Aloyse Bisdorff

Mittwoch 5. Juli 2017