Unser Leitartikel:
Menschenrecht auf Wohnen uneingelöst

Vom Berliner Volksmaler Heinrich Zille (1858-1929) stammt der angesichts der fortbestehenden kapitalistischen Verhältnisse bis heute gültige Satz »Man kann einen Menschen mit einer Axt erschlagen, aber man kann ihn auch mit einer Wohnung erschlagen.« Wie recht der »Pinselheinrich« gerade auch in Bezug auf das heutige Luxemburg hatte, wird klar, wenn man sich die einschlägigen Berichte des »Observatoire de l’Habitat«, der im Auftrag des Wohnungsbauministeriums regelmäßig die Immobilien- und Wohnungsanzeigen studiert, sowie des nationalen Statistikamtes zu Gemüte führt.

Während die geforderten Preise für Häuser im vierten Trimester 2016 auf Jahressicht um 7,7 Prozent auf durchschnittlich 623.315 Euro zugelegt hätten, seien die Quadratmeterpreise für bestehende Appartementwohnungen mittlerweile bei 4.795 Euro und die für neugebaute Appartements bei 6.051 Euro angekommen, heißt es im kürzlich erschienenen Bericht »Le logement en chiffres«.

Bereits im Februar hatte der Statec eine Studie veröffentlicht, nach der eine Durchschnittsfamilie bestehend aus zwei Erwachsenen und zwei Kindern (einem zehnjährigen Sohn und einer 14-jährigen Tochter) pro Monat mindestens 3.935 Euro brauchen, um einigermaßen über die Runden zu kommen, und daß in dem Beispielsfall jeden Monat 1.469 Euro (mehr als 37 Prozent) allein für Miete draufgehen.

Das hält die dafür verantwortlichen Politiker freilich nicht davon ab, jedes Jahr im August, wenn der »Observatoire de l’Habitat« seinen Bericht über das Vorjahr veröffentlicht, oder im Herbst, wenn es gilt, in den Hallen der LuxExpo die alljährliche »Semaine Nationale du Logement« zu eröffnen, zu versichern, es gebe ein »Menschenrecht auf Wohnen«.

In Beantwortung einer parlamentarischen Frage erklärte Wohnungsbauminister Marc Hansen unlängst, mit staatlicher Unterstützung hätten die Luxemburger Gemeinden in den vergangenen fünf Jahren lediglich 309 Sozialwohnungen gekauft und 113 neu errichten lassen. Weiter hieß es, die »Société Nationale des Habitations à Bon Marché« verwalte mittlerweile 182 soziale Mietwohnungen und der Fonds du Logement 1.851.

Wer verstehen will, warum das sogar in der Menschenrechtsdeklaration der UNO festgehaltene Recht auf Wohnen hierzulande für viele Menschen unerfüllt bleibt, muß sich nur den sozialen Wohnungsbau in anderen europäischen Ländern ansehen. So gibt es beispielsweise in Österreich pro 1.000 Einwohner 107,8 Sozialwohnungen, in den Niederlanden 146,3 und in Schweden 216,9.

Um den Stand von Österreich zu erreichen, müßte es in Luxemburg also 62.120 Sozialwohnungen geben. Gleichauf mit Schweden wäre das Großherzogtum, wenn es 124.988 Sozialwohnungen geben würde. Die Forderung der KPL, 4.000 Sozialwohnungen pro Jahr zu bauen, ist also alles andere als überzogen.

Und da gibt es in Luxemburg ja noch den informellen Wohnungsmarkt, auf dem sich sogenannte »marchands de sommeil« tummeln, die die Notlage, das fehlende Wissen und die Sprachprobleme von Migranten ausnutzen, um ihnen pro Monat 400, 500 oder 600 Euro für einen Schlafplatz in einem Mehrbettzimmer abzuknöpfen. So können die Schlafhändler für eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung ohne Küche leicht 2.000 bis 3.000 Euro pro Monat einsacken.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Mittwoch 5. Juli 2017