Unser Leitartikel:
An den Menschen vorbei

Frankreich will bis 2040 den Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotoren stoppen. So hieß es am Donnerstag in einer knappen Mitteilung in den Medien. Zehn Jahre später, im Jahre 2050 will das Land klimaneutral werden. Alles vor dem erklärten Hintergrund, daß die USA aus dem UNO-Klimaabkommen ausgestiegen seien und man nun deshalb die eigenen Ziele schärfer formulieren müsse.

Dies bedeutet vor allem, daß die Automobilindustrie und der öffentliche Personenverkehr nach heutigem Entwicklungsstand enorme Sprünge nach vorn machen müssen, damit diese Einschränkung nicht zu einer weiteren Einschränkung der Reisefreiheit, nach den diversen neuen Mautvorhaben, für die Menschen führt. Diese haben nämlich ohnehin mit einem stetig sinkenden Lohnniveau bei steigenden Lebenshaltungskosten zu kämpfen. Die Themen Arm trotz Arbeit oder Arm im Alter machen ja gerade wieder die Runde. Nicht nur daß der Abgasskandal mit diversen Verboten nun von den Autofahrern selbst finanziell gestemmt werden muß, weil sie sich notgedrungen, im Falle von Fahrverboten, nach alternativen Antrieben umsehen müssen, auch in anderen Lebensbereichen sind immer mehr Menschen nur noch deshalb in der Lage, ihren Lebensstandard aufrecht zu erhalten, weil die Preise für Dienstleistungen und Produkte durch Ausbeutung an noch anderer Stelle niedrig gehalten werden.

Der Mouvement Ecologique hat in der Vergangenheit schon manches Mal bei richtigen Kritikansätzen am Ende die falschen Schlüsse gezogen. Mit seiner Kritik an der von den Eliten viel umjubelten Rifkin-Studie lag er dieses Mal ziemlich richtig. All die nun in schneller Abfolge angekündigten Verbote und Änderungen im Rahmen der Mobilität stammen mehr oder weniger aus diesem Ideenkatalog, welcher stark danach riecht, unter dem Feigenblatt einer neuen, nachhaltigeren Gesellschaft wieder nur neues Wachstum zu generieren, indem etwa die Menschen mit Nachdruck gedrängt werden sollen, neue Antriebstechnologien teuer zu erwerben und somit der Konsum angekurbelt wird.

»Friß oder stirb«. Wer in stetiger Angst davor lebt, eine Waschmaschinendefekt oder sonst ein Haushaltsproblem könne sein Budget sprengen, der wird sich in seinem Alltag kaum vorstellen können, was die Neuanschaffung eines elektrischen Vehikels für ein Loch in die Barschaft reißen wird. Ein Vehikel, das er aber benötigt, obwohl sein vielleicht noch nicht allzu altes Auto noch recht gut in Schuß sein mag. Ein Vehikel, das er, vor allem im ländlichen Raum benötigt, um an seinen Arbeitsplatz zu kommen, da der öffentliche Transport, nicht nur hier, keinerlei Alternative zum Individualverkehr bieten kann.

An einen Arbeitsplatz, an dem er trotz »digitaler Revolution« nach Rifkin noch immer 40 Stunden oder mehr in der Woche und noch immer weit über 40 Jahre seines Lebens verbringen muß. Denn die Effizienz- und Produktivitätssteigerungen durch die neue »Revolution« wird ihm, wie alle industriellen »Revolutionen« zuvor, absolut nichts einbringen. Dies, so hat auch der Meco richtig erkannt, ist bei Rifkin schlicht nicht vorgesehen. Das wird auch an jenem Abend von den ausgesuchten Gästen des Vortrages niemanden interessiert haben.

Die Frage, die sich außerdem stellt: Woher kommt all der Strom für die neue E-Technologie und ist diese wirklich eine »Revolution«? Zumindest wohl, bis der Markt gesättigt ist. Eine neue Gesellschaft entwickeln geht wahrlich anders.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Freitag 7. Juli 2017