»Ich verabscheue die Demokratie«

An einem »Duce-Strand« bei Venedig wird Mussolini verherrlicht

Am Strand des malerischen Fischerstädtchens Chioggia, einem beliebten Urlaubsziele südlich der Lagune von Venedig, spielen sich, wie die römische Zeitung »La Repubblica« berichtete, gespenstische Szenen ab. Auf einem »Strand des Duce« mit 650 Liegestühlen versammeln sich Faschi­sten der »Casa Pound«, Lega-Nord-Rassisten und anderes schwarzes Gelichter unter Mussolini-Bildern und keltischen Kreuzen und feiern mit zum römischen Gruß erhobenem rechten Arm die Verbrechen seiner über zwei Jahrzehnte währenden Diktatur.

»La Repubblica« gibt den Betreiber dieses faschistischen Tummelplatzes, einen Gianni Scarpa wieder: »Ich verabscheue die Demokratie, sie ist für mich ein Dreck. Ich bin ein absoluter Antidemokrat. Wir sind hier das Regime Mussolinis. Wem das nicht gefällt, der soll sich davonscheren«. Er bekennt sich zu Ezra Pound, einen 1972 verstorbenen US-amerikanischen Faschisten und Dichter, der sich von 1924 bis 1945 in Italien der Verherrlichung des »Duce« widmete, dessen Namen die vor 13 Jahren gegründete »Casa Pound« (Heimat Pounds) annahm. Ezra Pounds Leitbild war der »Duce«- Ideologe Julius Evola, der das Recht der »römischen Herrenmenschen« auf Vernichtung »nutzloser Menschen« propagierte, worüber »man keine Träne zu vergießen braucht«. »La Repubblica« erwähnt eine Wand, auf der zu lesen war: »Hier sind die Gaskammern«, zu denen Scarpa erklärt: »Ich bin für die totale Vernichtung der Drogenabhängigen«. Wie das Blatt weiter berichtet, überfiel »Casa Pound« in Mailand auch die Stadtverwaltung und wollte damit den Bürgermei­ster Giuseppe Sala vom sozialdemokratischen Partito Democratico zum Rücktritt zwingen.

»Casa Pound« entstand mit aktiver Hilfe des mehrmaligen Ministers des faschistoiden Ex-Premiers Silvio Berlusconi und späteren Bürgermeisters von Rom (2008-13), Giovanni Alemanno, heute ein führender Mann der faschistischen Fratelli (Brüder) Italiens (FdI). Während seiner Amtszeit in Rom überließ er »Casa Pound« für 11,8 Millionen Euro ein Haus als Parteizentrale.

Verherrlichungen des Mussolini-Regime sind so neu nicht. Neu ist, daß das in Chioggia unter der Stadt-Verwaltung der sich gern als links apostrophierenden Fünf Sterne-Bewegung M5S und ihrem im Juni 2016 gewählten Bürgermeister Alessandro Ferro geschieht. M5S-Bürgermeister wurden 2016 durchweg mit den Stimmen der FdI und der Lega Nord gewählt. Lega-Chef Matteo Salvini hatte dazu aufgerufen, dort, wo die eigenen Bewerber keine Chancen haben, für M5S zu stimmen. In Rom, wo auf diese Weise Virginia Raggi ins Amt kam, ermittelt derzeit die Staatsanwaltschaft, ob bzw. warum die Bürgermeisterin sich lange Zeit weigerte, Stadträte aus der Zeit Alemannos zu entlassen. Ähnliche Fragen stellen sich jetzt auch in Chioggia zum Stadtoberhaupt Ferro.

Die faschistisch-rassistischen Umtriebe wurden, wie »La Repubblica« am Dienstag berichtete, von einer breiten Öffentlichkeit scharf verurteilt. Der Präsident des Partisanenverbandes ANPI von Mailand, Roberto Cenati, nannte die umstürzlerischen, verfassungsfeindlichen Aktivitäten außerordentlich beunruhigend. Die Verherrlichung des Faschismus und Rassismus sei »ein Verbrechen gegen die Menschheit, die den Völkermord an den Juden, Deportationen und Verfolgung jeglicher Opposition erlebt habe«. Er forderte die Staatsanwaltschaft der Republik sowie alle zuständigen Behörden auf, die Täter zur Verantwortung zu ziehen. Dem Betreiber dieses »Duce«-Strandes müsse unverzüglich die Konzession entzogen, die faschi­stischen Organisationen aufgelöst werden.

Die Nachrichtenagentur ANSA meldete, daß der Präfekt von Venedig, Carlo Boffi, inzwischen angeordnet hat, jegliche Schilder, Plakate und Schriften, die Bezug zum Faschismus nehmen, zu entfernen. Laut ANSA weigert sich M5S, einen dem Parlament vorliegenden Gesetz über das »Verbot faschistischer Propaganda« zuzustimmen, weil das ein »freiheitsfeindlicher Akt« sei. Die Partei des Ex-Komikers Grillo offenbart damit ein weiteres Mal ihre Kumpanei mit Faschisten und Rassisten.

Gerhard Feldbauer

Am Montag wurden die faschistischen Bilder und Symbole auf Weisung des Präfekten von Venedig wieder entfernt (Foto: ANSA/EPA)

Mittwoch 12. Juli 2017