Unser Leitartikel:
Das Öl sprudelt nicht mehr

Knapp 46 US-Dollar (40 Euro) kostet derzeit das 159-Liter-Faß der US-amerikanischen Standardölsorte WTI zur August-Lieferung, 48,21 Dollar (rund 42 Euro) mußte gestern morgen für ein Barrel des europäischen Standards Brent zur Lieferung im September bezahlt werden. Nicht nur arg gebeutelte Exporteure wie Venezuela und Rußland, deren Budgets zu einem Großteil von den Ölerlösen abhängen, haben ein Interesse daran, daß sich der Rohölpreis mindestens auf diesem Niveau hält.

Auch die US-amerikanischen Ölkonzerne, die vor allem die »Fracking«-Technologie nutzen, können bei einem niedrigeren Preis auf Dauer kaum überleben. Ihre Förderkosten pro Faß betragen zwischen 38 und 80 US-Dollar. Erst bei 55 Dollar pro Barrel können die meisten Vorkommen profitabel ausgebeutet werden. WTI kostete gestern morgen 75 Dollar-Cent mehr als am Dienstag, Brent stieg um 69 Cent. Wie es bis Ende des Jahres weitergehen wird, ist ungewiß.

Eine Unbekannte sind die wieder wachsenden Spannungen zwischen den USA und dem Iran. Eine andere die Entwicklung der Produktion in den USA. Die wird derzeit deutlich gesteigert, und es sieht so aus, als sollten damit die OPEC-Absprachen unterminiert werden. Die Prognosen für die zweite Jahreshälfte reichen deshalb von 30 bis 70 Dollar pro Faß.

Es gibt mehrere Hinweise darauf, daß die Zeiten niedriger Ölpreise bald vorbei sein könnten. Fast alles Öl, was noch gefunden wird, liegt in sehr tiefen Offshore-Lagerstätten, »unkonventionellen« Stätten wie den Teersänden Kanadas und Venezuelas oder im Schieferöl, das in den USA bereits in großem Umfang gefördert wird. Gemeinsam ist all diesen Lagerstätten, daß ihre Ausbeutung teuer ist. Vor der Küste, wo die meisten Vorkommen nur noch in tieferen Gewässern zu finden sind, kostet die Bohrlocherschließung einem Bericht der britischen »Financial Times« (FT) zufolge durchschnittlich 142 Millionen Euro.

Hinzu komme, daß 2016 nur noch 176 neue Erdöl- und -gaslagerstätten gefunden wurden. Das sei die niedrigste Zahl seit den 50er Jahren, so die FT. Bis 2013 habe der Jahresdurchschnitt bei 400 bis 500 neuen Feldern gelegen. Die Menge an Erdgas und Öl, die voraussichtlich pro Jahr aus den neuen Feldern gepumpt werden kann, entspreche 8,2 Milliarden Barrel Erdöl. Das hört sich viel an, es entspricht aber nur der globalen Förderung in einem Monat. Um die Produktion länger auf dem derzeitigen Niveau zu halten, müßten jedes Jahr aufs Neue so viele Funde wie im letzten Jahr gemacht werden.

Schon länger übersteigt die Förderung den Umfang der entdeckten und erschlossenen Vorkommen. Der Einbruch vom vergangenen Jahr deutet allerdings auf eine neue Qualität hin, darauf, daß es zunehmend schwerer wird, Öl zu finden und zu fördern. Zum Teil wurde der Einbruch aber auch durch einen Rückgang der Investitionen der Ölmultis verursacht. Wurden 2014 noch 95 Milliarden Euro für die Erkundung und Erschließung neuer Quellen ausgegeben, so waren es 2016 nur noch knapp 40 Milliarden. Gleichzeitig wurden zehntausende Ölingenieure und andere Fachleute entlassen.

Die Konsumenten an den Zapfsäulen werden demnächst die Rechnung präsentiert bekommen. Egal ob die mangelnde Verfügbarkeit oder der zu geringe Aufwand der Konzerne dafür die Hauptursache war. Auf jeden Fall werden die geringen Funde ab der Mitte des nächsten Jahrzehnts als preistreibende Knappheit zu spüren sein. Fünf bis sieben Jahre dauert es von der Entdeckung bis zur Ausbeutung einer Ölquelle. Das leicht zu fördernde »schwarze Gold« wird rar, jede neue Quelle erfordert mittlerweile einen erheblichen Aufwand an Geld und Energie. Das Ölzeitalter nähert sich seinem Ende.

Oliver Wagner

Oliver Wagner : Mittwoch 12. Juli 2017