Unser Leitartikel:
Locker bleiben

Am vergangenen Dienstag zelebrierte die Profi-Baseball-Liga der USA ihr »All Star Game«, ein aus europäischer Sicht eher als Schaulaufen, denn als Sport zu bezeichnendes Spiel der besten Spieler einer Saison. Diese Show läuft wie jedes Jahr mit viel Pathos, einer von einem Showsternchen gesungenen Natioalhymne, überdimensionalen Nationalflaggen und vielem mehr ab, das wir in Europa eher befremdlich finden. Den durchschnittlichen Luxemburger zwickt es bereits in der Magengrube, wenn beim Fußball-Länderspiel die Nationalhymne gesungen, anstatt von einer Kapelle gespielt wird.

Warum ist das Baseballspiel vom Dienstag erwähnenswert? Weil sich am Tag zuvor in Wimbledon ein Tennisspieler aus Luxemburg ein spannendes Duell mit einem großen Star lieferte und gewann. Viele Menschen fieberten mit und freuten sich, daß es ein Sportler aus dem »Ländchen« geschafft hatte, gegen einen Nadal eine Runde weiter gekommen zu sein.

Ob beim Fußball, beim Tennis oder anderswo: Immer gibt es auch jene, die sich nicht für das Geschehen interessieren und es gibt auch jene, die griesgrämig werden, weil sich die Menschen für kurze Zeit etwas ihrer Ansicht nach völlig Belanglosem widmen. Sie fürchten, wichtige politische Entscheidungen würden in dieser Zeit außerhalb des Fokus der Menschen gefällt, was in der Tat etwa bei einer Fußball-EM oder –WM schon vorkam und ihre Warnungen nicht erhört würden. Dennoch darf dies kein Freibrief sein, jedwede friedliche kollektive und unpolitische Freude von vornherein zu verurteilen. Insbesondere die politische Opposition sollte sich bewußt sein, daß sportliche Erfolge den Mächtigen zwar zuarbeiten, deswegen eine selbst an den Tag gelegte mauerblümchenhafte Abneigung gegen diese Veranstaltungen und ihre Anhänger ziemlich kontraproduktiv sein kann, wenn es darum geht, anschließend im Alltag die Menschen wieder von eigenen Inhalten zu begeistern.

Ebenfalls häufig zu sehen ist dann auch eine künstliche Anti-Haltung bei Kritikern und Nichtinteressierten. Noch nie durch das Interesse etwa an Fußball aufgefallen, wird plötzlich ein bestimmter Fußballklub vehement abgelehnt. Während es immer als südländische Lebensfreude wohlwollend betrachtet wird, wenn unsere portugiesischen Mitbürger nach einem Sieg ihrer Mannschaft stundenlang feiern, wird das kollektive, allzu plötzliche Interesse am luxemburgischen Tennissport als aufgesetzt und nationalistisch kritisiert. Wissen wir, ob all die feiernden Fans von Portugal tatsächlich zu jedem Tag in jedem Jahr eifrige Fußballanhänger sind? Wir können hier übrigens wahlweise auch Italien oder Deutschland einsetzen, es geht um die Sache. Auch zahlreiche Schleck-Anhänger während der Contador-Duelle bei der »Tour« werden nicht kundig im Radsport gewesen sein.

Wir sollten uns vielleicht einfach auch mal ein wenig von dem südländischen Temperament zulegen, ohne dabei direkt ein schlechtes Gewissen zu bekommen und nur das Negative zu sehen, denn man konnte spätestens am Mittwoch beobachten, wie Menschen unterschiedlichster Herkunft in Luxemburg gemeinsam mit ihren einheimischen Freunden und Arbeitskollegen im »Mulles«-Fieber waren.

Bei all dem Zirkus um den vergangenen Montag ist nicht auszudenken, was auf uns zukommt, wenn die »Roten Löwen« im Fußball irgendwann einmal einen großen Gegner bei einem Turnier schlagen. Wir wären alle gut beraten, bei solchen »Events« auch mal kühlen Kopf zu bewahren und vielleicht sogar zu versuchen, selbst Nutzen daraus zu ziehen.

Christoph Kühnemund

Christoph Kühnemund : Freitag 14. Juli 2017