Dublin hat die Nase vorn

Britische Banken mußten bis gestern ihre Brexit-Pläne offenlegen

Gut ein Jahr nach dem Brexit-Votum müssen die Banken der Londoner City auf das Referendumsergebnis reagieren. Mehrere Großbanken haben bereits angekündigt, Mitarbeiter wegen des geplanten EU-Austritts Großbritanniens in ein anderes EU-Land zu verlegen. Denn in London angesiedelte Banken benötigen für Finanzdienstleistungen wie z.B. Einlagen- und Kreditgeschäfte in der EU rechtlich selbstständige Tochterbanken mit Sitz in einem Mitgliedsland. Bis zum gestrigen Freitag mußten die Geldinstitute in Britannien der Bank of England ihre Brexit-Pläne offenlegen – die britische Notenbank will die Ergebnisse indes erst am 3. August veröffentlichen.

Die Hongkong & Shanghai Banking Corporation (HSBC), eine britische Großbank, hat bereits angekündigt, ungefähr 1.000 Arbeitsplätze nach Paris zu verlegen. »Es gibt rund 1.000 Mitarbeiter von insgesamt 43.000 in Großbritannien, die im Falle eines harten Brexits unsere Geschäfte nicht mehr legal aus Großbritannien machen könnten«, sagte HSBC-Chef Stuart Gulliver einem Bericht der »Financial Times« zufolge.

Derweil spielte Barclays-Chef Jes Staley die Brexit-Auswirkungen für die drittgrößte britische Bank herunter. Der geplante EU-Austritt sei eine »vollkommen machbare Herausforderung«, sagte er dem »Guardian« zufolge. Erwartet wird, daß die Bank ihren Standort in der irischen Hauptstadt Dublin ausbaut. Das bedeute aber nicht, daß in London Arbeitsplätze wegfielen, beteuerte Staley. »Ich glaube, wir werden einige neue Jobs an Standorten in der EU schaffen, aber es wäre ein Fehler zu glauben, daß dafür jemand entlassen werden muß«, hatte er bereits Ende April der Finanznachrichtenagentur Bloomberg gesagt.

Noch keine definitive Entscheidung hat die führende US-amerikanische Investmentbank Goldman Sachs getroffen. »Wir sind seit dem Brexit-Referendum im aktiven Dialog mit den Regulierungsbehörden«, heißt es dort. Allerdings hatte Europa-Chef Richard Gnodde im März dem USA-Sender CNBC gesagt, man werde mit dem Abzug Hunderter Jobs aus London beginnen. Derzeit beschäftigt Goldman Sachs rund 6.000 Mitarbeiter in der britischen Hauptstadt. Sprecher der großen USA-Banken JPMorgan und Bank of America wollten sich nicht zu ihren Brexit-Plänen äußern. Morgan Stanley und Citigroup ließen Anfragen unbeantwortet.

Indes rechnet die Deutsche Bank, die derzeit rund 9.000 Beschäftigte in London hat, mit der Verlagerung von zirka 2.000 Mitarbeitern, die von London aus europäische Firmenkunden betreuen, nach Frankfurt am Main. Weitere 2.000 Deutschbanker aus der Abteilung Risikomanagement müßten nach Frankfurt/Main umziehen, wenn die Großbank künftig Millionen von Transaktionen mit kontinentaleuropäischen Kunden in der EU verbuchen müßte. Der Verband der Auslandsbanken in Deutschland geht davon aus, daß in Folge des Brexits in den nächsten zwei Jahren 3.000 bis 5.000 neue Arbeitsplätze in Frankfurt/Main entstehen werden.

Einer neuen Studie der in London ansässigen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young zufolge haben von den 222 größten Finanzkonzernen, die »bedeutende Geschäftsaktivitäten« in Britannien unterhalten, bis Ende Juni 59 – also 27 Prozent – angekündigt, Personal und Geschäftsbereiche ins Ausland zu verlagern. Am stärksten profitiere Dublin (19 Finanzkonzerne), gefolgt von Frankfurt/Main (18) und Luxemburg (11). Die Auflistung erfaßt den Angaben zufolge Vermögensverwalter, Banken, Finanzinvestoren, Versicherer und Fintechs. Weitere 15 Finanzkonzerne hätten Umzugspläne angekündigt, aber noch kein konkretes Verlagerungsziel genannt.

dpa/ZLV

Derzeit sieht es so aus, als würde der Finanzplatz Dublin am meisten vom Brexit profitieren (International Finances Services Centre in der irischen Hauptstadt) (Foto: EPA)

Freitag 14. Juli 2017